Arbeitslosigkeit und Faulheit in der Wissensökonomie
(Brauchen wir einen neuen Otto von Bismarck?)
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Die Regierung glaubt jetzt, das Problem der nicht genügend sinkenden Arbeitslosigkeit durch Jagd auf die faulen Arbeitsverweigerer in den Griff zu bekommen. Woran liegt es aber wirklich, dass trotz kräftigem Wirtschaftswachstum noch immer eine Arbeitslosenquote von 10 % besteht? Sind diejenigen daran schuld, die angebotene Arbeitsplätze ablehnen, oder liegen die Ursachen vielleicht an einer anderen Stelle?
Ich behaupte, dass es gerade das Wachstum ist, das zur Zunahme der Arbeitslosigkeit geführt hat und sie weiter aufrecht hält. Das Wachstum der Wirtschaft in Form einer gigantischen Produktivitätssteigerung in einzelnen Branchen (nicht in allen!!!) führt zur Freisetzung vieler Arbeitskräfte, die durch neue technische Entwicklungen und bessere Organisation der Arbeit wegrationalisiert werden können. Was geschieht mit diesen überflüssigen Arbeitskräften? Sie werden entweder arbeitslos, lassen sich umschulen oder sie gehen in schlecht bezahlte Anlernjobs, wo sie ohne neue Ausbildung sofort arbeiten können. Was soll beispielsweise ein 45-jähriger Buchhalter machen, dessen Arbeitsplatz durch eine Konzernfusionierung wegfällt? Er kann sich entweder zum Diplom-Ingenieur umschulen lassen, wenn gerade am Arbeitsmarkt ein Mangel an Ingenieuren, aber ein Überschuss an Buchhaltern herrscht, oder er kann einen Job als Kellner oder Krankenpfleger annehmen. Wenn ihm beides unmöglich erscheint oder ist, dann bleibt er arbeitslos und zwar bis an sein Lebensende! Ist er deshalb faul? Sollte er gezwungen werden, als Kellner zu arbeiten, wenn der Arbeitsmarkt dringend Kellner braucht?
Es ist eine ökonomisch zwangsläufige Entwicklung: die freigesetzten Arbeitskräfte finden nur in den aller seltensten Fällen einen gleichwertigen oder mittels Fortbildung sogar besseren Wirkungskreis. In aller Regel führt der finanzielle und soziale Weg nach dem Verlust eines Arbeitsplatzes nach unten. Die hochproduktiven und gut florierenden Wachstumsbranchen suchen nur junge Spitzenkräfte und keine umgeschulten Berufsanfänger fortgeschrittenen Alters. Die wenig produktiven Branchen bieten dagegen vielen schlecht bezahlten Arbeitskräften Stellen an, da dort zwar ein hoher Personalbedarf aber geringe Einkommens- und Aufstiegschancen bestehen. Diese Stellen werden von der Klasse der "Working Poor" besetzt.
Es ist eine absolut weltfremde Grundannahme, dass es jedem Menschen möglich ist, jede Arbeit und überall anzunehmen, wenn man ihm nur genügend Bildung und finanzielle Unterstützung vermittelt. Arbeitskräfte sind keine Wirtschaftsgüter, die sich nach Bedarf planen und einsetzen lassen. Das alte Sprichwort "Jeder ist seines Glückes Schmied" gilt am aller wenigsten im Arbeitsleben.
Die Situation am Arbeitsmarkt wird immer mehr durch den folgenden Kontrast charakterisiert:
einen Mangel an hochqualifizierten Spitzenkräften und eine Zunahme an "Working Poor". Das ist eine Entwicklung, die sich mit logischer Konsequenz aus dem Wesen des wirtschaftlich-technischen Fortschritts in der kapitalistischen Marktwirtschaft (egal ob "sozial" oder nicht) ergibt.
Leider ist das eine Tatsache, die man zwar feststellen, aber nicht mit einem Patentrezept ändern kann, zumindest nicht nach heutigem Wissensstand. Die Kürzung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe ist jedenfalls das am aller wenigsten geeignete Mittel dafür. Denn gerade dieses würde die Zahl der "Working Poor" weiter steigern.
Während es am Anfang der Industrialisierung ein im absoluten Elend lebendes Industrieproletariat gab, dessen Probleme man glaubte mit fortschreitendem Wachstum endgültig gelöst zu haben, zeichnet sich jetzt in der hoch technisierten und immer mehr globalisierten Wirtschaft die Entstehung eines "Dienstleistungsproletariates" ab, d. h. einer im Verhältnis zur gut situierten Oberklasse als sehr arm einzustufenden Klasse von "Working Poor", die von niedrig entlohnten Arbeiten in den Dienstleistungsbranchen oder, was noch schlimmer ist, von Sozialhilfe leben muss.
Wissenschaftlich formuliert: die soziale Rolle des Industrieproletariates im Zeitalter der Industrialisierung wird in zunehmendem Maß ausgefüllt werden von einer Klasse der Working Poor im Informationszeitalter (dem Zeitalter der Wissensökonomie).
Führt man als Hypothese diese historische Parallele weiter, so folgt daraus, dass es demnächst entweder zu einer gewaltigen Revolution oder zu einem radikalen Umbau des ganzen Sozialsystems kommen wird, der weit über alles hinausgeht, was wir uns heute vorstellen oder in politischen Diskussionen analysieren können. Und zwar nicht im Sinn eines Abbaus von Sozialleistungen bis hin zur Zerschlagung des oft als Hängematte diffamierten "Sozialen Netzes", sondern in Richtung auf eine Umverteilung des Reichtums von oben nach unten!
Otto von Bismarck hatte seinerzeit die Rolle der Proletarier durch Reformen, die wir erst heute in zunehmendem Maß in ihrer vollen Tragweite immer mehr zu würdigen beginnen, so stark verbessert, dass die latente Gefahr einer bolschewistischen Revolution in Deutschland gebannt worden war. Die von ihm eingeführte Sozialversicherung hatte fast unverändert bis zum heutigen Tag, also 120 Jahre lang, die Grundlage des Sozialwesens gebildet. Heute bräuchten wir einen neuen Bismarck, der in Lage ist, eine wirklich zukunftsweisende Sozialpolitik genau so machtvoll und so weit in die Zukunft vorausblickend zu betreiben wie jener.
Die oben genannte Hypothese wird außerdem durch das Phänomen gestützt, dass beim Übergang von der kommunistischen Planwirtschaft im Ostblock zu einem bis hin zur Kriminalität extrem egoistischen Kapitalismus der aller übelsten Sorte, gerade die Führungspositionen nicht von marktwirtschaftlichen Fachleuten, sondern wiederum von den alten Kader-Apparatschiks besetzt wurden. Das heißt, dass es für die sozialen Strukturen einer Gesellschaft nicht entscheidend ist, nach welchem Prinzip die Wirtschaft organisiert ist: plan- oder marktwirtschaftlich. Damit wird folgendes klar: es ist völlig egal wie hoch der technische Stand und die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft ist, die soziale Frage wird dadurch entgegen allen anderslautenden Theorien und Wunschträumen eben nicht gelöst. Armut und Arbeitslosigkeit wird es immer geben. Wenn jemand (ich verschweige diskreter Weise den Namen) behauptet, die Massenarbeitslosigkeit werde in der Wissensökonomie dadurch von selbst verschwinden, dass sich jeder Haushalt mit mehr als 6000 DM Monatseinkommen eine Haushaltshilfe leisten könne und dadurch die Nachfrage nach solchen Arbeitskräften automatisch zunehmen werde, so müsste er sich zunächst fragen, ob dieses Monatseinkommen typisch für die Mehrheit der Haushalte ist oder sein werde, und zweitens wer die Arbeitskraft sei, die solche Stellenangebote annehmen solle. Wahr ist vielmehr, dass mit zunehmender Prosperität vor allem die Kluft zwischen Arm und Reich zunimmt, wie es der jüngst veröffentliche "Armutsbericht" drastisch unter Beweis stellt. Es gibt keinen Mechanismus, der dafür sorgt, dass die sozialen Fragen durch wirtschaftlich-technischen Fortschritt gelöst werden.
Bei einem endgültigen Scheitern der "sozialen Marktwirtschaft" - nicht im Bereich der Technik sondern im sozialen Bereich - könnte es vielleicht letzten Endes paradoxerweise zu einer Renaissance eines wirklich humanen Kommunismus (in der westlichen Welt) kommen, nachdem sie das Zerrbild des Kapitalismus im heutigen Russland vor Augen geführt bekommen hat.
Frühere Texte zu diesem Thema:
Arbeitslosigkeit als Anzeichen volkswirtschaftlicher Prosperität
Anmerkung: mein Dank gilt Stephan Schulmeister (Österr. WIFO-Institut), der mich ohne es selbst zu wissen, zu diesem Artikel angeregt hat.
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Date of publishing: Friday, 27. April 2001.
Last revision: 09/20/01.