© 2001 Wolfgang Baudisch
Kaiser Karl V, Beherrscher eines Weltreichs in dem "die Sonne nie unterging", zog sich im Alter in ein Kloster zurück um dort zu beten und Uhren zu reparieren. Warum tat dieser ehemalige Kaiser nichts nützlicheres? War es nur eine schrullige Leidenschaft eines debilen Greises, oder steckte mehr hinter dieser Passion? Was könnte der tiefere Grund eines so sonderlichen Verhaltens sein?
Die Antwort ist, dass das Reparieren von Uhren das beste Geistestraining ist, das es überhaupt geben kann.
Anders als beim Dichten eines Sonettes oder beim Malen eines Bildes ist der Geist nicht frei in einem von ihm selbst geschaffenen Raum, sondern er bleibt teilweise noch immer auf der Erde, das heißt gebunden an die erfolgreiche oder aber scheiternde Bewältigung der Wirklichkeit. Dies setzt also vor allem die Fähigkeit zum analytischen Denken, aber nicht nur auf abstrakter Ebene, sondern in der praktischen Konfrontation mit der Realität voraus. Der Geist in der Auseinandersetzung mit der Realität ist etwas anderes als der Geist im luftleeren Raum der abstrakten Ideen und Formen. Es ist leichter, Mathematik oder Latein zu studieren, als Uhren zu reparieren. Jede Schöpfung im rein geistigen Bereich kann als Schöpfung bestehen und sich behaupten, auch wenn sie überhaupt keinen praktischen Nutzen, ja nicht einmal eine erkennbare Aussage enthält. Eine total unlogische und unbrauchbare mathematische Theorie hätte als geistiges Werk immer noch eine Daseinsberechtigung. Aber eine falsche Handlung im Umgang mit der Materie würde nur zur Zerstörung und niemals zum Aufbau der gewünschten Strukturen oder zum Eintritt einer bestimmten beabsichtigten Wirkung führen.
Warum ist nun gerade das Reparieren von Uhren eine so geisteserfrischende Beschäftigung? Es setzt voraus, dass man eine "ruhige Hand" hat, denn ohne diese wäre es unmöglich, ein winzig kleines Zahnrad, oder eine Achse genau an der Stelle einzusetzen, wo sie hin gehört. Wer keine ruhige Hand hat, ist innerlich zu nervös, zu wenig gefestigt und konzentriert. Nur wer in der Lage ist, seine innere Unruhe zu beherrschen, die ganze Energie auf ein Ziel zu konzentrieren, wird auch das besitzen können, was man eine ruhige Hand nennt. Wessen Hand wie Espenlaub zittert, sollte nicht mit dem Reparieren von Uhren beginnen!
Als nächstes braucht man eine Beobachtungsgabe, mit der man die Funktionsweise eines komplizierten Mechanismus untersuchen und verstehen kann. Wenn man die Wirkungsweise erkannt hat, kann man die richtigen Maßnahmen ergreifen, um Fehler zu beheben. Diese Fehlerdiagnose setzt wiederum die Fähigkeit voraus, den Mechanismus ohne Zerstörung bis in die letzten Einzelteile zu zerlegen und so in seine Konstruktionsgeheimnisse vorzudringen. Wenn man aber dabei den kleinsten Fehler macht, kann dies nicht nur wie ein schlechter Zug beim Schachspiel eine vorübergehende Bedrohung, sondern oft die Zerstörung des gesamten Arbeitserfolges mit sich bringen weil die kleinste Beschädigung eines meist einmaligen und nicht mehr herstellbaren Bauteils die Fehlfunktion der gesamten Uhr nach sich ziehen würde. Andererseits würde eine unrichtige Fehlerdiagnose zwar zu Reparaturversuchen, aber nicht zum gewünschten Endziel, nämlich der einwandfreien und exakten Funktion führen.
Nach der Tatsachenanalyse kommt der erfinderische Schritt, der genügend Phantasie voraussetzt, um eine praktikable Reparaturmaßnahme auszudenken und zu planen. Zur schöpferischen Phantasie gehört auch die Wahl des richtigen Werkzeugs. Denn nur mit dem richtigen Werkzeug kann ein bestimmtes, schwieriges Problem überhaupt gelöst werden. Mit ungeeigneten Werkzeugen führt auch die größte Anstrengung nicht zum Erfolg. An die Reparaturvorkehrung schließt sich dann der präzise Zusammenbau des kompletten Werkes bis zur Herstellung des ursprünglichen, störungsfreien Zustandes.
Wenn schließlich das Vorhaben gelungen ist, wird die Arbeit gekrönt durch die Freude an einem präzise funktionierenden, ja vollkommenen und oft einzigartigem Mechanismus. Obwohl das Grundprinzip immer gleich bleibt, stellt jede einzelne Realisierung eine unverwechselbare Individualität dar. Hinzu kommt, dass das rätselhafte und faszinierende Phänomen der Zeit in Gestalt einer Uhr optisch fassbar und erlebbar gemacht wird. Dies macht die besondere dieses Arbeitsgebietes aus.
Das Wichtigste ist die absolute Ruhe und Konzentration, so wie sie auch im ZEN geübt wird. Hektische Betriebsamkeit kann niemals die Basis für ein vernünftiges Werk sein. Die Art des Arbeitens, so wie sie beim Reparieren von Uhren zwangsläufig notwendig und einzig und allein zielführend ist, kann als Grundprinzip für viele andere Arbeiten dienen. Würden diese Richtlinien für jede beliebige, auch noch so einfache Tätigkeit, das Autofahren oder das Programmieren von Computern angewendet, so gäbe es viel weniger Unfälle, unbrauchbare Produkte und Ärger beim Anwender oder Kunden.
Es ergibt sich also die Schlussfolgerung, dass es keine schrullige, sondern eine anerkennenswürdige und nutzbringende Idee des Kaisers Karl V war, sich an seinem Lebensabend ausgerechnet dem Reparieren von Uhren zu widmen.
1) Alle heutigen Kriege sind entweder Religionskriege. oder Rachefeldzüge für ein in grauer Vorzeit erlittenes Unrecht.
2) Religionskriege sind die dümmsten und sinnlosesten aller Kriege, aber gerade deshalb werden sie nie ein Ende finden, denn Religion steht prinzipiell über jeder Vernunft. Mit religiösen Argumenten lassen sich daher alle noch so sinnlosen und ethisch verwerflichen Handlungen rechtfertigen.
Es liegt im Wesen fast jeder Religion, nur die eigene Lehre für den wahren Weg zu Gott zu erklären. Eine Lehre der Toleranz, wie sie Nathan der Weise gepredigt hatte, kann man nur dann vertreten, wenn man sich bereits über alle religiösen Glaubensrichtungen erhoben hat und selbst keiner von ihnen traut. Bestimmte Religionen, wie das Christentum, die Thora und der Islam, sind durch totale Intoleranz in Glaubensfragen charakterisiert.
Gibt es einen vernünftigen Grund heute Religionskriege zu führen, also religiöse Glaubensgegensätze mit der Waffe in der Hand auszutragen? Wir sind in Mitteleuropa geneigt, diese Frage zu verneinen. Aber gerade deshalb werden Religionskriege vorbereitet und geführt! Weil Religion stärker als jede Vernunft ist, weil sie a priori über der Vernunft steht. Es gibt keine Vernunftgründe, einen Religionskrieg zu führen, es gibt aber auch kein Argumente der Vernunft, um eine religiöse Weltanschauung zu widerlegen. Wenn eine Religion behauptet, der Tempelberg gehört uns, weil er unserem Volk von Gott gegeben wurde und dort am Ende der Zeiten der Messias sein Weltreich errichten wird, während die andere Religion behauptet, der Tempelberg gehört uns, weil dort unser Prophet Mohammed in den Himmel aufgefahren ist, dann kann dieser Konflikt niemals mit den Mitteln der Vernunft, also der Diplomatie beseitigt werden. Die einzige Möglichkeit zur Lösung des Konfliktes ist der Krieg. Alle Versuche von außenstehenden, also nicht gläubigen Menschen Frieden zu stiften sind von vorne herein zwecklos. Religiöse Gegensätze können nicht wegdiskutiert sondern nur bis zum Tod des Gegners mit der Waffe ausgetragen werden. In diesem Fall heiligt tatsächlich der Zweck die Mittel, denn für den Gläubigen gibt es keinen heiligeren Zweck als seine Religion. Auch Selbstmordattentate sind durch die Religion geheiligt.
Es spricht Bände, dass derjenige israelische Politiker, der durch seinen absolut überflüssigen und unvernünftigen Besuch am Tempelberg die neue Welle der Gewalt ausgelöst hat nicht von seinem Volk in die Wüste geschickt wurde, sondern höchstwahrscheinlich die nächste Regierung führen wird.
Auch der zweite Weltkrieg könnte insofern als Religionskrieg betrachtet werden, als die Nationalsozialistische Rassenlehre, die von Jörg von Liebenfels begründet worden war, ihrem Wesen nach eine mystische, religionsähnliche Weltanschauung war. Ihr Ziel war es, den hellen "Lichtgestalten", verkörpert durch die nordische Rasse, zum Sieg über die dunklen Mächte des Bösen, das heißt alle nichtgermanischen Völker, zu verhelfen. Die SS war im Wesentlichen eine fast kirchlich organisierte Ordensgemeinschaft.
Die fanatischen Taliban in Afghanistan führen heute einen Religionskieg gegen buddhistische Kulturdenkmäler, aber nur weil sie nicht genug militärische Macht zu einem echten Krieg haben.
Der andere große Krisenherd, der Balkan, ist gekennzeichnet durch den Religionskrieg zwischen christlich orthodoxen Serben und islamischen Völkern. Die wichtigste Rolle spielt dabei das Trauma der Schlacht auf dem Amselfeld vor ca. 600 Jahren und die Niederlage der Christen gegen die Türkischen "Heiden". Die Motivation dieses Krieges ist ein typisches Beispiel für einen (verspäteten) Rachefeldzug, wie er in These 1 genannt wird.
Bei derartigen Kriegen geht es darum, ein in lange zurückliegender Zeit von einem Gegner am eigenen Volk verübtes Unrecht zu sühnen. Entscheidend ist dabei nicht der inzwischen manifestierte Status Quo, sondern eine absolut irreale Idealvorstellung über die Rechte und Bedeutung des eigenen Standpunktes. Im Jahr 1449 hat England die Normandie an Frankreich verloren. Niemand in England würde es heute einfallen, deswegen Frankreich den Krieg zu erklären. Österreich hat 1945 Südtirol an Italien verloren. Nachdem Terroranschläge von einigen ewig gestrigen in Südtirol keinen Erfolg gebracht haben, würde heute wohl kein Österreicher Krieg gegen Italien fordern. Genau so absurd ist aber die Begründung, mit der die Serben im Kosovo oder Palästinenser in Israel ihre Kriegshandlungen rechtfertigen. Dass Palästina heute zu Israel gehört ist ein Faktum, das sich nicht auf kriegerischem Weg aus der Welt schaffen lässt. Sei dies nun gerecht oder ungerecht, es ist heute der Status Quo.
Der obige Text wurde am 3. Februar 2001 geschrieben, vor der Wahl des neuen Israelischen Premierministers. Die jüngste Entwicklung im nahen Osten ist gekennzeichnet durch eine Eskalation der Gewalttaten auf beiden Seiten und scheint meine Thesen von der Unvermeidbarkeit eines Religionskrieges drastisch zu bestätigen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann dieses Pulverfass der Unvernunft vollends explodiert. Es ist aberwitzig und für einen normal denkenden Europäer - vor allem wenn er die Schrecken eines Weltkrieges selbst miterlebt hat - kaum begreifbar: der Krieg in Palästina geht nicht nur um das Land Palästina und um die Lebensgrundlagen dort, sondern auch um die heilige Stadt Jerusalem und den Tempelberg!
Literatur:
Daim, Wilfried, Der Mann, der Hitler die Ideen gab. Jörg Lanz von Liebenfels. Verlag UEBERREUTER CARL, 1994.