Zufall und Kausalität

(Die Vorherrschaft des Chaos im Universum und philosophische Betrachtungen zur Chaos-Theorie)

Copyright © 1999 Wolfgang Baudisch. All rights reserved.

Zusammenfassung

Der kausale Aufbau des Universums ist keine Realität. Er ist eine vom Menschen auf Grund seiner eigenen Denkstrukturen hinein konstruierte Täuschung. In Wirklichkeit ist das Universum ein Chaos, das keinerlei rationalen Regeln gehorcht. Außerdem steht es in ständiger Auseinandersetzung mit dem ihm feindlich gegenüberstehenden Nichts. Das gilt nicht nur für das Universum als ganzes, sondern auch für technische Systeme. Daher ist deren Funktionieren nicht der Regelfall, sondern die Ausnahme auf Grund einer Verkettung von "günstigen Zufällen".

Schlüsselwörter

kausal, Universums, Phantasie, Logik, rationalistisches_Weltbild, Existentialismus, Geworfenheit, Naturwissenschaft, Technik, Computer, Chaos_Theorie, Katastrophe, Irrationalität, Traumwelt, Albert_Einstein, Quantenmechanik, Theorie, Biogenetik, Evolution, Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Organismus, Übermenschen, Selbstzerstörung, Astrophysik, Relativitätstheorie, Schöpfungsmythen, Sartre, Heidegger, Existenzphilosophie, Vernichtungsangst, Nichts,

Von Galilei zu Stephen Hawking

Galileo Galilei hat als erster nachgewiesen, dass es im Universum keinen Gott gibt. Denn er hat nachgewiesen, dass alles was die katholische Kirche über das Universum gelehrt hatte falsch war. Ergo folgte daraus, dass die Kirche in ihren Lehren nicht unfehlbar war und somit ebenso, dass alles was sie über Gott lehrte möglicherweise falsch war. Die Kirche seiner damaligen Zeit wusste sehr wohl über die Tragweite dieser scheinbar nur naturwissenschaftlichen Lehre Galileis bescheid und ging entsprechend vehement dagegen vor. Wir wären heute gut beraten, wenn wir diesen Fall ebenso betrachten und daraus die richtigen Schlüsse ziehen würden. Es war im Jahr 1633 eben nicht ein Irrtum der Kirche, Galilei zum Widerruf zu zwingen, der Irrtum bestand vielmehr darin, die Existenz Gottes im Universum weiter zu behaupten, und das bis zum heutigen Tag.

Im folgenden Text soll aber über die Lehre Galileis noch einen Schritt hinaus gegangen werden, indem nachgewiesen oder zumindest hypothetisch postuliert wird, dass es im Universum nicht nur keinen Gott, sondern auch keine physikalischen Gesetze gibt. Diese sind vielmehr einzig und allein ein Produkt des Menschen und seiner rein menschlichen Betrachtungsweise des Universums. Die heutige Physik sucht verzweifelt nach der "einheitlichen Weltformel" in der alle bisherigen Theorien widerspruchslos zusammengefasst werden können. Es erscheint mir mehr als fraglich, ob es eine solche Theorie jemals geben kann, also ein universelles Modell des Universums, das alle Wahrnehmungen abbildet, aber selbst dann wäre es nichts anderes als eine bessere Beschreibung der menschlichen Wahrnehmungsweise des Universum und nicht eine Aussage über die innerste Natur desselben und schon gar nicht über die Art wie Gott über das Universum gedacht hatte, so wie es der unglückliche Stephen Hawking in seinem durch tragische und totale Isolierung von der Welt ausgelösten Wahn formuliert hat. Damit wird der absolute Wahrheitsanspruch der modernen Naturwissenschaft an einem konkreten Beispiel, nämlich am Fall der Astrophysik und ihrer Kosmogonie endgültig geleugnet und widerlegt.

Dieser Schritt des Denkens muss heute gemacht werden, denn er ist nichts anderes als die logische Fortsetzung von all dem, was die Philosophie bisher gedacht und entdeckt hatte. Ich knüpfe damit dankbar an die sehr weit reichenden Vorarbeiten von Jean-Paul Sartre, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein an.

Wir glaubten bisher, dass alles was geschieht eine Ursache habe und dass es nur unserem unzureichenden Wissen über die Welt zuzuschreiben ist, dass wir nicht alle Ursachen bis ins Letzte kennen.

Auch scheinbar zufällige Ereignisse beruhen so letztlich auf einer - vielleicht unsichtbaren - Kette von kausalen Zusammenhängen.

Was wäre aber, wenn es genau umgekehrt wäre? Wenn es in Wirklichkeit nur zufällige Ereignisse und Dinge gäbe und der Irrtum eines kausal begründeten Universums nur die Folge unseres beschränkten Vorstellungs- und Denkvermögens wäre? Wenn es keinen einzigen kausalen Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen gäbe und jeder von uns vermutete Zusammenhang nur das Resultat unserer Phantasie, das heißt der Struktur unserer menschlichen Logik wäre?

Geht man von diesem Gedanken als Hypothese aus, ergibt sich ein neues, dem seit über drei Jahrhunderten dominierenden rationalistischen Weltbild diametral entgegengesetztes Denken. Das Universum ist nicht das Resultat einer gesetzmäßigen und sogar zu planenden Ordnung, auch nicht einer verborgenen göttlichen Fügung, sondern beliebiger unzusammenhängender Zufälle, also letztlich ein totales und vollständig ungeordnetes Chaos, in welchem die Wiederkehr von voraussagbaren Ereignissen nur ausnahmsweise auf Grund einer Verkettung von glücklichen Zufällen eintritt.

Nur weil wir (noch) nicht fähig sind, in Zufällen zu denken, ordnen wir allem eine Kausalität zu. Dies gilt jetzt nicht nur für den Bereich des Geistigen, wo der Existentialismus im 20. Jahrhundert die "Geworfenheit des Daseins" entdeckt hat, sondern vor allem auch für die Naturwissenschaft und Technik.

Das Funktionieren eines jeden technischen Systems verdanken wir nicht der ingeniösen Planung des menschlichen Erfinders, sondern einer glücklichen Verkettung von günstigen Umständen, während der zu erwartende Regelfall eigentlich das Nichtfunktionieren ist.

Geht man von dieser Einsicht aus, so muss die Benutzung von hoch komplexen technischen Hilfsmitteln wie Verkehrsmitteln, z. B. Flugzeugen (siehe z.B. Concorde 25. Juli 2000 Paris, die Bergbahn Kaprun am 11. November 2000) oder von Atomkraftwerken in einem neuen Licht betrachtet werden! Am deutlichsten aber zeigt sich die chaotische Natur solcher Systeme beim Computer. Hier ist wirklich jederzeit alles Unvorhersehbare ohne kausale Ursachen möglich. Es ist kein Zufall, dass die Entwicklung der Chaos-Theorie zeitlich mit der des PC ungefähr zusammenfällt.

Technische Systeme

Wir umgeben uns in zunehmendem Maß mit hoch komplizierten technischen Systemen und sind von ihrem andauernd störungsfreien Funktionieren abhängig geworden. Gibt es trotz der Bedrohung durch das Chaos eine Möglichkeit, das Funktionieren zum Regelfall und nicht zur Ausnahme zu machen? Das kann nur gelingen, wenn in sehr großer Zahl automatische Fehlerbeseitigungs-Systeme eingebaut werden, die beim Auftreten des kleinsten und unwahrscheinlichsten Fehlers sofort Korrekturmaßnahmen einleiten. Nur so können diese Systeme einigermaßen gegen Chaos-Einflüsse abgeschirmt werden. Ein Eisenbahnbetrieb kann nur mit Hilfe einer Vielzahl von Überwachungseinrichtungen aufrecht erhalten werden. Trotzdem werden immer wieder Zufälle eintreten, in denen diese Einrichtungen unwirksam sind und es zur Katastrophe kommt. Sind technische Systeme schon von Natur aus unzuverlässig, so werden sie noch um ein Vielfaches unzuverlässiger, wenn der Mensch als Steuer- oder Kontrollelement mit einbezogen wird. Damit wird dem sogenannten "menschlichen Versagen" Tür und Tor geöffnet.

Immer wenn eine große Katastrophe eintritt, wenn wir also dem unberechenbaren Zufall unmittelbar gegenüberstehen, scheint unser ganzes Weltbild in seinen Grundfesten zu wanken, verzweifeln wir wegen der Irrationalität der Wirklichkeit. Wüssten wir aber, dass jede Katastrophe die Begegnung mit der wahren Wirklichkeit ist, die hinter unserer rationalistischen Traumwelt verborgen ist, wären wir weniger überrascht, weil wir dies jederzeit erwarten müssen.

Abkehr vom rationalistischen Denken

Die Quantenmechanik stellte einen ersten Schritt dar, in der Naturwissenschaft die Trennung vom Weltbild des Rationalismus zu beginnen, jedoch ohne radikal bis zum Ende fortzuschreiten. Albert Einsteins berühmt gewordener Ausspruch "Gott würfelt nicht" zeigt, wie tief verwurzelt das kausal deterministische Denken in jedem mathematisch geschulten Denker ist. Dennoch kann es heute als gesicherte Erkenntnis gelten, dass wegen der Unbestimmtheitsrelation eine kausale Erklärung der Welt bis in alle Einzelheiten unmöglich ist.

Der nächste Vorstoß war die Theorie des Chaos. Ihr Ergebnis besteht in der Erkenntnis dass kleinste zufällige Einflüsse sehr große Auswirkungen haben können. Damit wird die Existenz des Chaos anerkannt, aber zugleich versucht, es dem rationalistischen Denken zugänglich zu machen, es zu analysieren und zu planen. Aber die wahre Natur des Chaos verbietet eine rationale Analyse.

Chaos und Evolution

Die Biogenetik versucht, die Geheimnisse des genetischen Codes zu entschlüsseln und so ein logisch durchschaubares Schema als kausale Grundlage für alle vielfältigen und zufällig erscheinenden Formen der Organismen zu finden.

Die Hypothese des Chaos wird offenbar widerlegt durch die Existenz und Entwicklungsgeschichte des Lebens. Jeder Organismus ist eine hoch komplexe, nicht chaotische Struktur, die sogar in beschränktem Umfang in der Lage ist, jedem Angriff von Seiten des Chaos, das versucht diese Struktur zu zerstören, standzuhalten und eventuelle Schäden automatisch zu reparieren. Allerdings gelingt dies dem Individuum immer nur für einen ganz kurzen Zeitraum, seine "natürliche" Lebensdauer, bevor es wieder ins Chaos zurückfällt. Die Individuen sind wie Schneeflocken, die am Fenster schmelzen. Sie können jedoch dafür sorgen, dass gleichartige Strukturen wieder neu entstehen. Dadurch entstehen die Arten als über die Lebenszeit des Individuums fortbestehende Strukturen, die sich auf Grund der Evolution selbst immer weiter zu komplexeren, umfangreicheren Strukturen verändern. Vom Einfachen, wenig differenzierten zum komplexen, sehr stark strukturierten weiter schreitend, scheint die Evolution des Lebens eine kontinuierliche Entwicklungslinie vom Chaos zur Ordnung darzustellen, die über sehr lange Zeiträume, die ein Vielfaches der individuellen Lebenszeit sind, unbeirrbar und unumkehrbar abläuft, wenn auch mit Zeitweisen Rückschlägen. Dies wäre dann der beste Beweis dafür, dass das Universum als ganzes nicht chaotisch, sondern mit einem verborgenen Ordnungsprinzip versehen ist, das vielleicht irgend eine Wesensverwandtschaft mit menschlichen Denkprinzipien oder sogar mit einem hypothetischen "göttlichen" Willen hat.

Die Hypothese der kontinuierlichen Evolution - sie ist und bleibt eine solche - führt aber zur zwingenden Schlussfolgerung, dass sich die Entwicklung auch über die menschliche Art hinaus zu noch "höheren" Wesen fortsetzen wird. Dies könnte aber aller bisherigen Erfahrung nach nur in Jahrmillionen geschehen, also in Zeiträumen, über die beim Besten Willen keine fundierte wissenschaftliche Prognose möglich sein kann (man kann nicht einmal sichere Prognosen für den nächsten Tag machen). Es bleibt der Phantasie überlassen, sich die Natur künftiger Übermenschen auszumalen.

Gibt es dazu auch eine Gegenhypothese? Sie könnte besagen, dass es mit zunehmender Komplexität des Lebens zwangsläufig zu einem unbeabsichtigten Akt der Selbstzerstörung, nicht durch menschliche Bosheit, sondern durch die natürliche Labilität hoch komplexer Strukturen, kommen wird. Demnach würde die Evolution, wenn sie ein gewisses "Endstadium" erreicht hat, mit einer großen Katastrophe und der Vernichtung allen Lebens enden und so wieder zum totalen Chaos zurückführen. Dies wäre eine entfernte Analogie zur Theorie eines immer pulsierenden Universums, das nach einem Urknall zuerst expandiert bis es am Schluss wieder in sich zusammen stürzt. Es ist nicht möglich, wissenschaftlich zu entscheiden, welche der beiden Hypothesen zutrifft, ja nicht einmal, welche die größere Wahrscheinlichkeit besitzt. Dies ist eher eine nach dem momentanen Zeitgeist oder der persönlichen Weltanschauung zu entscheidende Glaubensfrage.

Daher muss auch die Frage nach der chaotischen oder "sinnvoll" geordneten Struktur des Universums letzten Endes unentschieden bleiben.

Naturwissenschaftliche Kosmologie

Am deutlichsten zeigt sich das Versagen des rationalistischen Denkens beim Versuch, die Entstehung des Universums kausal zu erforschen und begründen. Da das Universum nicht kausal aufgebaut ist, sondern chaotisch, muss jeder derartige Versuch, auch wenn er die ausgefeiltesten Methoden der Astrophysik und Relativitätstheorie verwendet, wie der Wettlauf des Igels mit dem Hasen enden: Immer wenn es gelungen ist, eine Reihe von Tatsachen kausal zu "erklären", öffnet sich sofort ein neues Fenster mit nicht erklärten oder sogar dieser Erklärung widersprechenden Beobachtungen, so dass letzten Endes hoch komplexe theoretische Modelle entstehen müssen, die sich jedoch immer weiter von der wahren Natur der Wirklichkeit entfernen und dann wohl kaum weniger mystisch anmuten als die Schöpfungsmythen der verschiedenen Religionen.

Ist die Physik heute noch weiter zu führen?

Es sieht so aus, als ob die Physik seit Albert Einstein auf der Stelle tritt und trotz ungeheurer Anstrengung keine wirklich neuen, richtungsweisenden Theorien hervorgebracht hat. Einstein selbst hat dies in seinen späten Lebensjahren verzweifelt versucht und ist aber ebenso an dieser Aufgabe gescheitert. Liegt dieses Phänomen daran, dass es nicht genug geniale Köpfe unter den Physikern gibt, oder hat es ganz andere Ursachen? Während andere Wissenschaften, wie die Informatik oder die Mikrobiologie revolutionäre Fortschritte im 20. Jahrhundert verzeichnen konnten, scheint der Physik die Luft ausgegangen zu sein. Trotz großer finanzieller Aufwendungen für Teleskope oder Beschleuniger-Anlagen ist es noch nicht gelungen, alle bestehenden Theorien ohne Widersprüche zu einer universalen neuen Theorie, in der die alten bruchlos als Sonderfälle enthalten sind, zu vereinigen.

Das menschliche Denken selbst oder die Genialität der Gedanken hat sich seit Heraklit aber nicht wesentlich verändert. Es kann also nicht an der Unfähigkeit der physikalischen Theoretiker liegen. Vielmehr fehlen der Physik heute neue technische, experimentelle Erfahrungen. Nur solche könnten den Stillstand überwinden. Nur der Dialog von Theorie und praktischer Wirklichkeit kann zu neuen Erkenntnissen führen. Eine solche praktische Erfahrung wäre beispielsweise die praktische Überschreitung der Lichtgeschwindigkeit in einer voll beherrschbaren technischen Vorrichtung oder eine viel weiter in die kleinsten Bausteine eindringende Mikroskopie, die Objekte vielleicht 1000 mal genauer auflöst als das beste heutige Raster-Tunnel-Elektronenmikroskop. Nur wenn es gelingt, derartige heute noch gar nicht zu erahnende Quantensprünge der physikalischen Technik zu machen, wird auch die theoretische Physik sich weiter entwickeln können. Ohne ganz neue Wirklichkeitserfahrungen tritt das naturwissenschaftliche Denken allein auf der Stelle.

Vielleicht wird der Mensch mit Hilfe solcher neuen Techniken eine neue Physik finden, die der heute gültigen Physik in allen Einzelheiten und Grundgesetzen total entgegengesetzt ist, eine Physik die nicht nur, wie die Einstein'sche Relativitätstheorie, alles bisher gültige umfasst und erweitert, sondern alles bisher gültige auf den Kopf stellt und zu ungeahnten Einsichten führt.

Die ewige Ordnung des Kosmos

Der berühmte Ausspruch von Immanuel Kant:

"Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir. ...

beruht leider wie wir heute wissen, in beiden Fällen auf einer Illusion, das heißt einer Sinnes- und Gedankentäuschung, welcher der angeblich so scharfsinnige Denker auf Grund seines damaligen Weltbildes unterlegen ist:
was den bestirnten Himmel betrifft, der dem naiven Beschauer
scheinbar ewig und unverrückbar "vor Augen steht", wissen wir heute mit Sicherheit, dass dieser Himmel nicht da steht, sondern dass er in Wirklichkeit mit extrem hoher Geschwindigkeit auseinander fliegt, wie ein Heuhaufen nach dem Einschlag einer Handgranate, dass das "ewige" Bild das sich uns zeigt, in Wirklichkeit eine Momentaufnahme mit einem Alter zwischen Null und bis zu Milliarden von Lichtjahren, je nach Entfernung des betreffenden Sternes, ist und dass es keine Ordnung in diesem grauenhaften Explosionsgeschehen, sondern eine jeder menschlichen Einsicht spottende und wahrscheinlich auch nie zu erklärende Unordnung und Vielfalt von Phänomenen gibt.

Dass der naive menschliche Beobachter nichts von der Explosion oder der Expansion des Universums bemerkt, liegt nur daran, dass sich diese für menschliche Zeitmaßstäbe unendlich langsam vollzieht, weil die Entfernungen im Universum wiederum für menschliche Maßstäbe unendlich groß sind. Plausibles Beispiel: wenn zwei Galaxien im Abstand von 1 Milliarde Lichtjahren mit einer Geschwindigkeit von 1 Lichtjahr pro Sekunde sich voneinander entfernen, ist die relative Änderung ihrer Entfernung nur 1 Milliardstel ihres Abstandes, also eine fast nicht merkbare Änderung (Hinweis: die Zahlen sind willkürlich gewählt, nicht de facto Werte). Erst wenn der Mensch eine Million Jahre leben und dabei den Kosmos beobachten würde, könnte er diesen Explosionsvorgang vielleicht als solchen erleben. Der Begriff "Chaos" ist hier nur ein Vehikel für das Unvermögen des Menschen, Dinge der Wirklichkeit zu beschreiben, die außerhalb seiner Beschreibungsfähigkeit liegen.

Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob sich Kant wirklich den bestirnten Himmel als wohlgeordnetes Universum, das sinnvoll nach dem ewigen Bauplan eines unergründlichen Schöpfers aufgebaut ist, vorgestellt hat. Hätte er diese aus heutiger Sicht "naive" Vorstellung aber nicht gehabt, so wäre wohl niemals der "Beschluss" in seiner "Kritik der praktischen Vernunft" mit dem oben zitierten weltberühmten Satz gekrönt worden, denn kein vernünftiger Mensch würde von einem chaotisch explodierenden Materiehaufen behaupten wollen, dass ihn sein Anblick mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht erfülle!

Was das moralische Gesetz betrifft, wissen wir heute nach Auschwitz und Birkenau, dass es nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für ein ganzes Millionenvolk möglich ist, sich seine eigenen "moralischen Gesetze", so wie es in der Wannseekonferenz geschehen ist, zu erfinden und auch unverzüglich praktisch in die Tat umzusetzen. Dass dies gerade das Volk sein musste, dem Kant selbst zugehörte, ist eine tragische Ironie der Menschheitsgeschichte.

Randbemerkung: Kant hat in seiner Schrift zum ewigen Frieden bereits einen Entwurf der heutigen "Vereinten Nationen (UNO)" konzipiert, und das vor mehr als 200 Jahren! Somit könnte er auch als Mitbegründer der UNO geehrt werden.

Das Thema der Begrenztheit menschlicher Erkenntnis wird hier noch weitergeführt im Essay Warum oder Wie?

Scheitern des logischen Denkens

Wenn wir rational auf Grundlage des Kausalitätsprinzips denken, nähern wir uns nicht der Wirklichkeit, sondern wir fliehen immer weiter in eine selbst geschaffene Traumwelt, aus der uns nur noch die praktisch auftretende Irrationalität der Wirklichkeit wieder zur Realität zurückführen kann.

Diese paradox wirkende Aussage bedeutet: Wir können nicht anders als logisch, das heißt rational denken, und dennoch ist die Welt ihrer innersten Natur nach nicht logisch sondern chaotisch. Die bekannte Hypothese der Verhaltensforschung, die ganze Welt sei kausal zusammenhängend und deshalb habe der Mensch durch die Evolution auch das logische Denken erworben und entwickelt, ist ein Trugschluss. Wir schließen dabei von der Natur des Menschen auf die Natur des Universums und gerade dies ist falsch.

Wie können wir also mit unserem logischen Denken uns in einer unlogischen Welt zurechtfinden? Ist wenigstens die vom Menschen geschaffene künstliche Welt, das heißt die geistige Welt logisch?

Nur sofern sie reines Geistesprodukt ohne jede Beziehung zur äußeren Wirklichkeit ist, könnte sie logisch sein. Am ehesten trifft das noch auf die abstraktesten Bereiche der Mathematik oder die Musik zu. Aber sobald wir Geometrie oder Physik betreiben, kommen wir nicht ohne die Beziehung zur realen Welt, also dem Chaos aus. Was die Mathematik betrifft, hat besonders Kurt Gödel dazu beigetragen, den Glauben and die natürliche und zwingende Logik des Denkens zu erschüttern.

Manchmal erscheint es sogar, als ob auch der Computer und die dazugehörige Software nicht den Gesetzen der Logik sondern denen des Chaos gehorchen würden.

Der größte Fehler, dem das rationale Denken unterliegt, ist der nicht zu unterdrückende Glaube daran, dass sich die Welt oder das eigene Leben rational beherrschen und planen ließe. Nur in ganz eingeschränkten, künstlich abgeschirmten Idealbezirken kann diese Illusion aufgebaut und eine Zeit lang auch realisiert werden. In der Wirklichkeit, in ihrer totalen "Geworfenheit", ist rationales Planen hoffnungslos unmöglich. Die entscheidenden Elemente des Schicksals, die wirklich wichtigen Ereignisse und Lebensumstände, sind nur zufällig und niemals kausal erklärbar oder bewusst steuerbar.


Das Ende der Zeit

" ... O Ewigkeit, du Donnerwort,
O Schwert, das durch die Seele bohrt,
O Anfang sonder Ende!
O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,
Ich weiß vor großer Traurigkeit
Nicht, wo ich mich hinwende.
Nimm du mich, wenn es dir gefällt,
Herr Jesu, in dein Freudenzelt."
(Kantate Nr. 20)

Ist die Ewigkeit oder sogar die "ewige Verdammnis" eine Realität oder ist sie zumindest eine als real vorstellbare Denkkonstruktion? Die Antwort ist: ja und nein. In der erlebbaren Wirklichkeit gibt es nichts was dem Begriff Ewigkeit irgendwie nahe kommt. In der Denkvorstellung können wir den Begriff aber auf zwei Arten definieren:
entweder als eine Zeit ohne Ende oder als ein Universum ohne Zeit. Beides kann es real nicht geben. Worin besteht aber dann unsere sehr reale Furcht vor der Ewigkeit? Diese Furcht ist nicht die Furcht vor der Ewigkeit, sondern vielmehr die Furcht
vor dem Ende der Zeit. Der Tod ist nicht der Beginn der Ewigkeit, sondern das Ende der individuellen Zeit. Mit dem Ende der Zeit beginnt das Chaos. Endet die Zeit, so endet auch die letzte Möglichkeit, das Chaos unter Kontrolle zu bringen, es übernimmt wieder die totale Herrschaft über alles.

Mit jedem Tag unseres Lebens fühlen wir aber, wie das Ende der Zeit näher kommt und dies erfüllt uns zumindest unterbewusst mit panischer Angst (Torschlusspanik).

Deshalb ist auch ein Universum ohne Zeit nicht denkbar, d. h. nicht nur nicht in der Wirklichkeit nachweisbar, sondern nicht einmal in Gedanken vorstellbar. Ein Universum ohne Zeit wäre absolut chaotisch, zufallsgesteuert und ohne jede Kausalität. Dies würde aber den menschlichen Denkstrukturen diametral widersprechen. Die Existenz von Zeit ist die Voraussetzung dafür, dass wir einem chaotischen Universum eine gewisse Ordnung "andichten", dass wir die Illusion von Kausalität aufrecht halten können.

Der Tod ist das Ende der Zeit und der Beginn des Chaos. Die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem Chaos.

L'être et le néant

Vielleicht muten die folgenden Zeilen wie eine laienhafte Simplifizierung von Sartre und Heidegger an. Aber Existenzphilosophie ist nicht eine Wissenschaft für Experten. Sie ist vielmehr eine ganz einfach zu verstehende, prägnante Formulierung dessen, was praktisch jeder Mensch praktisch jeden Tag erlebt oder fühlt. Die Vernichtungsangst ist die Angst jedes Seins vor dem Hinabstürzen in das Nichts. Dies ist eine Grundtatsache. Vor ihr versuchen wir ständig durch alle möglichen Ausflüchte und Ablenkungen zu entfliehen. Natürlich letzten Endes ohne Erfolg. Immer dann, wenn uns das Nichts in seiner ganzen Schrecklichkeit bewusst wird, erleben wir was wir wirklich sind und sein sollten.

Literatur

Jow's Existentialists: Sartres Allata

(eine Sammlung von Gedanken aus dem gesamten Werk von Jean-Paul Sartre für alle, die keine Zeit haben, z. B. L'être et le néant im Original zu lesen.)

((Zitat:))

"Alles Existierende entsteht ohne Grund, setzt sich aus Schwäche fort und stirbt durch Zufall."

Fortsetzung diese Essays: Modelltheorie
(Betrachtung über komplexe Systeme und den Versuch ihrer Nachbildung durch kausale Modelle)

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Date of publishing: April 5, 1999.
Last revision: 09/20/01