Modelle

Copyright © 1999 Wolfgang Baudisch. All rights reserved.

Die entscheidende Frage heißt nicht: Chaos oder Ordnung, sondern ob es uns möglich ist, möglichst universelle und langfristige Modelle für die Wirklichkeit zu erstellen. Das Aufstellen von Modellen ist eine "Leidenschaft" des menschlichen Geistes. Jedes Modell ist eine Abstraktion der Wirklichkeit. Es soll sich möglichst gleich verhalten, wie die Wirklichkeit. Für die Vergangenheit und Gegenwart muß das Modell mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Dies ist bei manchen Modellen sogar für die Vergangenheit nicht nachprüfbar, wenn diese nicht mehr bekannt ist. Zusätzlich soll es aber zutreffende Prognosen für die Zukunft der Wirklichkeit liefern.

Universalität

Die universellsten Modelle sind die Religionen. Sie erheben den Anspruch, das gesamte Dasein heute und für alle Ewigkeit zu beschreiben. Dabei sind die Vergangenheitsinhalte zumeist mythischer Art, das heißt Aussagen über Ereignisse die sehr weit zurückliegen und nicht mehr nachprüfbar oder sehr lückenhaft überliefert sind. Die Prognosen dieser Modelle betreffen entweder das Leben nach dem Tod oder das voraussichtliche Ende der Welt. In beiden Fällen kann die Übereinstimmung der Prognose mit der Wirklichkeit prinzipiell weder bestätigt noch widerlegt werden.

Obwohl solche Modelle ohne wissenschaftlichen Wert sind, haben sie dennoch eine außerordentliche praktische Bedeutung erlangt und große Macht ausgeübt. Ihre Universalität besteht vor allem darin, sehr viele Fragen des menschlichen Verhaltens, insbesondere der zwischenmenschlichen Beziehungen, zu behandeln und Ratschläge oder Vorschriften dafür zu geben.

Zeitmaßstab

Die Beschäftigung mit Archäologie oder Kosmogonie hat nur ein Ziel: ein Modell für die Entwicklung des Menschen oder des Universums für einen sehr großen Zeitraum zu finden. Die Zeiteinheit eines solchen Modells kann eine Jahrmillion oder eine Jahr-Milliarde sein. Dementsprechend liefert es Prognosen für eine sehr ferne Zukunft. Es ist unmöglich, die Richtigkeit solcher Prognosen zu testen. Trotzdem liegt hier der Schwerpunkt nicht auf den Prognosen, sondern auf Hypothesen oder Erkenntnissen über die im Dunkel liegende Vergangenheit.

Sogenannte Naturgesetze

Es gibt keine Naturgesetze in der Wirklichkeit. Was wir so bezeichnen, sind Modelle, die z. B. das physikalische Verhalten eines Objektes sehr exakt und zuverlässig für einen sehr großen Prognosezeitraum, im Idealfall für unbegrenzte Zeit, beschreiben. Dennoch handelt es sich immer um eine Abstraktion und nicht um eine allumfassende Beschreibung der Wirklichkeit dieses Objektes. Die "Gravitation" ist keine Eigenschaft der Natur, sondern eine menschliche Erfindung zur besseren Berechnung von Bewegungsmodellen.

Was ist ein Modell?

Die einfachste Form eines Modells ist die Verbindung von nur zwei Beobachtungsinhalten. Diese Inhalte sind Verknüpfungspunkte zwischen dem Modell und der Wirklichkeit. Diese Punkte werden außerdem durch irgendein gedachtes Schema, eine Formel oder eine andere Regel miteinander verbunden. Damit bildet das Modell eine feste Verbindung zwischen den Beobachtungen. Das Modell selbst besteht aus den zwei Punkten und ihrer Denkverbindung. Wenn einer dieser Inhalte wirklich beobachtet wird, kann man auf Grund des Modells eine Prognose über die Beobachtung des anderen Punktes machen.

Im Allgemeinen sind wissenschaftliche Modelle um vieles komplizierter und umfangreicher. Sie können Tausende von Inhalten verbinden. Das Endziel des menschlichen Denkens besteht und bestand aber immer darin, ein universales und allumfassendes Modell zu finden, das die Antwort auf jede denkbare, das heißt formulierbare Frage enthält. Kann es ein solches Modell überhaupt geben?

Ein frühes Beispiel dafür wäre die Ideenlehre Platons. Ein anderes das universale System Immanuel Kants. Universalmodelle müssen zwangsläufig umfangreich in ihrer Darstellung sein. Es kann kaum gelingen, ein solches Modell mit einer einzigen magischen Formel in der Länge einer Schriftzeile darzustellen. Schon der Versuch ein Universalmodell nur für den Bereich einer Spezialwissenschaft zu finden, z. B. für die Physik, war bisher zum Scheitern verurteilt. So lange neue Beobachtungen auftreten, die mit dem vorhandenen Modell nicht "erklärbar" sind und zu einer Erweiterung des Modells zwingen, ist dieses Modell nicht als universell zu bewerten.

Chaos-Theorie

Die Chaos-Theorie untersucht Modelle für Systeme in verschiedenen Wissenschaften, die alle die Eigenschaft haben, daß langfristige Prognosen prinzipiell unmöglich sind. Auch bei genauer Kenntnis der Gegenwart und der Modellgesetze kann eine Prognose nur für die unmittelbar folgende Zukunft gemacht werden, während diese mit zunehmender Zeit immer unsicherer wird.

Welchen Wert haben Modelle, die keine Prognosen liefern können?

Der Wert dieser Theorie liegt darin, die Grenzen der Modellbildung möglichst exakt aufzuzeigen. Damit ist sie zu einer "Metamodell-Theorie" geworden, zu einem Modell über die Bildung und Anwendungsgrenzen bestimmter Modelle.

Die prinzipiell neue Erkenntnis liegt darin, zu zeigen daß bereits das Modell selbst unvorhersagbar ist und nicht nur die Wirklichkeit. Es geht nicht darum, ein Modell für eine Wirklichkeit zu finden, die keine durch ein Modell abzubildende Gesetzmäßigkeit aufweist, sonder viel mehr mathematisch exakt beschreibbare Modelle aufzustellen, die keine Zufallsgrößen enthalten und trotzdem nicht langfristig vorhersagbar sind. Daß es solche Modelle gibt, und daß sie darüber hinaus auf viele Beobachtungen der Wirklichkeit anwendbar sind, ist das wichtigste Resultat dieser revolutionären Theorie.

Allerdings ist dies noch kein Beweis dafür, daß es unmöglich ist, ein Universalmodell aufzustellen. Es sieht so aus, als wäre ein Universalmodell von existenzieller, unverzichtbarer Wichtigkeit für den menschlichen Geist und seine Orientierung im Leben. Der Besitz von beliebig vielen und funktionstüchtigen Einzelmodellen in allen Wissensgebieten ist kein Ersatz dafür. Erst wenn wir glauben, ein Universalmodell zu besitzen oder gefunden zu haben, können wir innere Ruhe und Orientierung unserer Existenz in der Welt finden. Die Frage nach der Möglichkeit eines globalen Modells kann also nicht von der Chaos-Theorie widerlegt werden. Hier muß man weiter ausholen und prinzipielle Methoden der Erkenntnistheorie heranziehen.

Globale Modelle in historischer Sicht

Die Entwicklung globaler Modelle ist ein historischer Prozeß. Zu jeder Zeit ergeben sich neue, aktuelle Probleme, die unlösbar erscheinen. Deren Lösung kann letzten Endes nie durch den Rückgriff auf ein globales Modell der Vergangenheit erfolgen, sondern nur durch kreative neue Ideen und Entwicklungen.

Beispiele für solche Probleme:

Im "Vormärz" in Mitteleuropa : Hunger durch hohes Bevölkerungswachstum und zu geringe landwirtschaftliche Erträge.

Heute: Industrielle Arbeitslosigkeit durch Mangel an Arbeitsplätzen wegen zu hoher Produktivität und zu hohen Investitionskosten. Das Problem des Hungers ist dagegen heute zumindest in Mitteleuropa gelöst.

Schon diese einfachen Beispiele aus einem Teilbereich der Sozial- und Wirtschaftspolitik zeigen, daß es zur Zeit um 1840 nicht möglich gewesen wäre, ein Modell zur Lösung des damals brennenden Hunger-Problems so zu entwickeln, daß es zugleich auch schon eine Lösung für das heutige Problem der Überproduktion enthält.

Damit ist zumindest illustriert, daß es kein zeitlich endgültiges und ubiquitäres Modell geben konnte und kann.

Erkenntnistheoretische Grenzen der Modelle

Ein Modell kann keine Frage nach dem Wesen der Wirklichkeit beantworten. Es stellt nur Beziehungen zwischen Beobachtungen her, untersucht aber nicht, wie Beobachtungen entstehen. Auch mit dem aller besten Modell können wir nicht hinter die Wirklichkeit blicken. Hätten wir ein globales, ewig gültiges Modell, wären wir allwissend, aber nicht allmächtig. Wir könnten jedes Ereignis vorhersagen, aber nicht oder nur begrenzt verändern. Dies würde nur unsere Position auf der Zeitachse verschieben, uns aber nicht erlauben, diese ganz zu verlassen, um die Frage nach dem "Wesen der Zeit" zu beantworten. Die Wirklichkeit wird durch das Modell nicht erklärt, sondern nur simuliert.

Der Raum ist noch rätselhafter als die Zeit. Vom gesamten existierenden Raum können wir nur den geringsten Bruchteil selbst betreten. Daran ändern auch die absurden Vorbereitungen einer Reise zum Mars nichts! Wir sind gefangen am Ort. Um das Wesen von Raum und Zeit zu erfassen, müßten wir in die fünfte Dimension, also in eine Dimension außerhalb von Raum und Zeit ausweichen können.

Das Höhlengleichnis Platons ist ein Modell über Höhlenmenschen, die sich ein Modell der Wirklichkeit machen. Ein solches Metamodell ist möglich, aber es gibt nur weitere Kenntnis über Modelle, jedoch keine zusätzliche Kenntnis über die Wirklichkeit selbst.

Dieser Artikel ist eine Fortsetzung des Artikels

"Zufall und Kausalität oder Die Vorherrschaft des Chaos"

Back to Homepage Wolfgang Baudisch
Date of publishing: Sunday, 24. October 1999
Last revision:
09/20/2001