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Die entscheidende
Frage heißt nicht: Chaos oder Ordnung, sondern ob es uns möglich
ist, möglichst universelle und langfristige Modelle für die Wirklichkeit
zu erstellen. Das Aufstellen von Modellen ist eine "Leidenschaft"
des menschlichen Geistes. Jedes Modell ist eine Abstraktion der Wirklichkeit.
Es soll sich möglichst gleich verhalten, wie die Wirklichkeit. Für
die Vergangenheit und Gegenwart muß das Modell mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
Dies ist bei manchen Modellen sogar für die Vergangenheit nicht nachprüfbar,
wenn diese nicht mehr bekannt ist. Zusätzlich soll es aber zutreffende
Prognosen für die Zukunft der Wirklichkeit liefern.
Die universellsten
Modelle sind die Religionen. Sie erheben den Anspruch, das gesamte Dasein heute
und für alle Ewigkeit zu beschreiben. Dabei sind die Vergangenheitsinhalte
zumeist mythischer Art, das heißt Aussagen über Ereignisse die sehr
weit zurückliegen und nicht mehr nachprüfbar oder sehr lückenhaft
überliefert sind. Die Prognosen dieser Modelle betreffen entweder das Leben
nach dem Tod oder das voraussichtliche Ende der Welt. In beiden Fällen
kann die Übereinstimmung der Prognose mit der Wirklichkeit prinzipiell
weder bestätigt noch widerlegt werden.
Obwohl solche Modelle
ohne wissenschaftlichen Wert sind, haben sie dennoch eine außerordentliche
praktische Bedeutung erlangt und große Macht ausgeübt. Ihre Universalität
besteht vor allem darin, sehr viele Fragen des menschlichen Verhaltens, insbesondere
der zwischenmenschlichen Beziehungen, zu behandeln und Ratschläge oder
Vorschriften dafür zu geben.
Die Beschäftigung
mit Archäologie oder Kosmogonie hat nur ein Ziel: ein Modell für die
Entwicklung des Menschen oder des Universums für einen sehr großen
Zeitraum zu finden. Die Zeiteinheit eines solchen Modells kann eine Jahrmillion
oder eine Jahr-Milliarde sein. Dementsprechend liefert es Prognosen für
eine sehr ferne Zukunft. Es ist unmöglich, die Richtigkeit solcher Prognosen
zu testen. Trotzdem liegt hier der Schwerpunkt nicht auf den Prognosen, sondern
auf Hypothesen oder Erkenntnissen über die im Dunkel liegende Vergangenheit.
Es gibt keine Naturgesetze
in der Wirklichkeit. Was wir so bezeichnen, sind Modelle, die z. B. das physikalische
Verhalten eines Objektes sehr exakt und zuverlässig für einen sehr
großen Prognosezeitraum, im Idealfall für unbegrenzte Zeit, beschreiben.
Dennoch handelt es sich immer um eine Abstraktion und nicht um eine allumfassende
Beschreibung der Wirklichkeit dieses Objektes. Die "Gravitation" ist
keine Eigenschaft der Natur, sondern eine menschliche Erfindung zur besseren
Berechnung von Bewegungsmodellen.
Die einfachste
Form eines Modells ist die Verbindung von nur zwei Beobachtungsinhalten. Diese
Inhalte sind Verknüpfungspunkte zwischen dem Modell und der Wirklichkeit.
Diese Punkte werden außerdem durch irgendein gedachtes Schema, eine Formel
oder eine andere Regel miteinander verbunden. Damit bildet das Modell eine feste
Verbindung zwischen den Beobachtungen. Das Modell selbst besteht aus den zwei
Punkten und ihrer Denkverbindung. Wenn einer dieser Inhalte wirklich beobachtet
wird, kann man auf Grund des Modells eine Prognose über die Beobachtung
des anderen Punktes machen.
Im Allgemeinen
sind wissenschaftliche Modelle um vieles komplizierter und umfangreicher. Sie
können Tausende von Inhalten verbinden. Das Endziel des menschlichen Denkens
besteht und bestand aber immer darin, ein universales und allumfassendes Modell
zu finden, das die Antwort auf jede denkbare, das heißt formulierbare
Frage enthält. Kann es ein solches Modell überhaupt geben?
Ein frühes
Beispiel dafür wäre die Ideenlehre Platons. Ein anderes das universale
System Immanuel Kants. Universalmodelle müssen zwangsläufig umfangreich
in ihrer Darstellung sein. Es kann kaum gelingen, ein solches Modell mit einer
einzigen magischen Formel in der Länge einer Schriftzeile darzustellen.
Schon der Versuch ein Universalmodell nur für den Bereich einer Spezialwissenschaft
zu finden, z. B. für die Physik, war bisher zum Scheitern verurteilt. So
lange neue Beobachtungen auftreten, die mit dem vorhandenen Modell nicht "erklärbar"
sind und zu einer Erweiterung des Modells zwingen, ist dieses Modell nicht als
universell zu bewerten.
Die Chaos-Theorie
untersucht Modelle für Systeme in verschiedenen Wissenschaften, die alle
die Eigenschaft haben, daß langfristige Prognosen prinzipiell unmöglich
sind. Auch bei genauer Kenntnis der Gegenwart und der Modellgesetze kann eine
Prognose nur für die unmittelbar folgende Zukunft gemacht werden, während
diese mit zunehmender Zeit immer unsicherer wird.
Welchen Wert haben
Modelle, die keine Prognosen liefern können?
Der Wert dieser
Theorie liegt darin, die Grenzen der Modellbildung möglichst exakt aufzuzeigen.
Damit ist sie zu einer "Metamodell-Theorie" geworden, zu einem Modell
über die Bildung und Anwendungsgrenzen bestimmter Modelle.
Die prinzipiell
neue Erkenntnis liegt darin, zu zeigen daß bereits das Modell selbst unvorhersagbar
ist und nicht nur die Wirklichkeit. Es geht nicht darum, ein Modell für
eine Wirklichkeit zu finden, die keine durch ein Modell abzubildende Gesetzmäßigkeit
aufweist, sonder viel mehr mathematisch exakt beschreibbare Modelle aufzustellen,
die keine Zufallsgrößen enthalten und trotzdem nicht langfristig
vorhersagbar sind. Daß es solche Modelle gibt, und daß sie darüber
hinaus auf viele Beobachtungen der Wirklichkeit anwendbar sind, ist das wichtigste
Resultat dieser revolutionären Theorie.
Allerdings ist
dies noch kein Beweis dafür, daß es unmöglich ist, ein Universalmodell
aufzustellen. Es sieht so aus, als wäre ein Universalmodell von existenzieller,
unverzichtbarer Wichtigkeit für den menschlichen Geist und seine Orientierung
im Leben. Der Besitz von beliebig vielen und funktionstüchtigen Einzelmodellen
in allen Wissensgebieten ist kein Ersatz dafür. Erst wenn wir glauben,
ein Universalmodell zu besitzen oder gefunden zu haben, können wir innere
Ruhe und Orientierung unserer Existenz in der Welt finden. Die Frage nach der
Möglichkeit eines globalen Modells kann also nicht von der Chaos-Theorie
widerlegt werden. Hier muß man weiter ausholen und prinzipielle Methoden
der Erkenntnistheorie heranziehen.
Die Entwicklung
globaler Modelle ist ein historischer Prozeß. Zu jeder Zeit ergeben sich
neue, aktuelle Probleme, die unlösbar erscheinen. Deren Lösung kann
letzten Endes nie durch den Rückgriff auf ein globales Modell der Vergangenheit
erfolgen, sondern nur durch kreative neue Ideen und Entwicklungen.
Beispiele für
solche Probleme:
Im "Vormärz"
in Mitteleuropa : Hunger durch hohes Bevölkerungswachstum und zu geringe
landwirtschaftliche Erträge.
Heute: Industrielle
Arbeitslosigkeit durch Mangel an Arbeitsplätzen wegen zu hoher Produktivität
und zu hohen Investitionskosten. Das Problem des Hungers ist dagegen heute zumindest
in Mitteleuropa gelöst.
Schon diese einfachen
Beispiele aus einem Teilbereich der Sozial- und Wirtschaftspolitik zeigen, daß
es zur Zeit um 1840 nicht möglich gewesen wäre, ein Modell zur Lösung
des damals brennenden Hunger-Problems so zu entwickeln, daß es zugleich
auch schon eine Lösung für das heutige Problem der Überproduktion
enthält.
Damit ist zumindest
illustriert, daß es kein zeitlich endgültiges und ubiquitäres
Modell geben konnte und kann.
Ein Modell kann
keine Frage nach dem Wesen der Wirklichkeit beantworten. Es stellt nur Beziehungen
zwischen Beobachtungen her, untersucht aber nicht, wie Beobachtungen entstehen.
Auch mit dem aller besten Modell können wir nicht hinter die Wirklichkeit
blicken. Hätten wir ein globales, ewig gültiges Modell, wären
wir allwissend, aber nicht allmächtig. Wir könnten jedes Ereignis
vorhersagen, aber nicht oder nur begrenzt verändern. Dies würde nur
unsere Position auf der Zeitachse verschieben, uns aber nicht erlauben, diese
ganz zu verlassen, um die Frage nach dem "Wesen der Zeit" zu beantworten.
Die Wirklichkeit wird durch das Modell nicht erklärt, sondern nur simuliert.
Der Raum ist noch
rätselhafter als die Zeit. Vom gesamten existierenden Raum können
wir nur den geringsten Bruchteil selbst betreten. Daran ändern auch die
absurden Vorbereitungen einer Reise zum Mars nichts! Wir sind gefangen am Ort.
Um das Wesen von Raum und Zeit zu erfassen, müßten wir in die fünfte
Dimension, also in eine Dimension außerhalb von Raum und Zeit ausweichen
können.
Das Höhlengleichnis
Platons ist ein Modell über Höhlenmenschen, die sich ein Modell der
Wirklichkeit machen. Ein solches Metamodell ist möglich, aber es gibt nur
weitere Kenntnis über Modelle, jedoch keine zusätzliche Kenntnis über
die Wirklichkeit selbst.
Dieser Artikel
ist eine Fortsetzung des Artikels
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Wolfgang Baudisch
Date of publishing: Sunday, 24. October
1999
Last revision: 09/20/2001