Wolfgang H. Baudisch

 
Tractatus philosophicus super consensus
 
Abhandlung über die Beziehung zwischen Konsens und Wahrheit
 
 
© 2007  Wolfgang Baudisch
 
 
 
 
 
 
 
 

Einleitung

In Verehrung dem Andenken an Ludwig Wittgenstein, dem größten Philosophen der Neuzeit, gewidmet.
 
Die gesamte Kultur, aber auch das biologische Sozialverhalten beruht darauf, dass es allgemeine oder partnerschaftliche Konsense gibt. Wotan sagt in der Walküre:
 
das sind die Bande, die mich binden:
der durch Verträge ich Herr,
den Verträgen bin ich nun Knecht.
 
Man könnte auch sagen: durch Konsens ist die göttliche Macht entstanden, deshalb ist sogar der Gott daran gebunden. Die folgende Abhandlung versucht, das abstrakte Wesen des Konsenses, seine möglichen Formen, Entstehung, Abwandlung  und Zerstörung darzustellen im Stil von Ludwig Wittgenstein, das heißt es wird versucht, mit einem Minimum an Wörtern fundamentale philosophische Aussagen zu treffen. Ludwig Wittgenstein schreibt in der Einleitung zum berühmten Tractatus logico-philosophicus 1918:
 
Wenn diese Arbeit einen Wert hat, so besteht er in Zweierlei. Erstens darin, dass in ihr Gedanken ausgedrückt sind, und dieser Wert wird umso größer sein, je besser die Gedanken ausgedrückt sind. Je mehr der Nagel auf den Kopf getroffen ist...
 
Das bedeutet - und dies ist Wittgenstein trotz seiner bescheidenen Selbstkritik meisterhaft gelungen - mit der geringsten Anzahl von Wörtern und Textseiten den maximal möglichen Inhalt auszudrücken.
 
Weiter schreibt Ludwig Wittgenstein am Anfang des Tractatus:
 
Die Decimalzahlen als Nummern der einzelnen Sätze deuten das logische Gewicht der Sätze an...
 
Hier verwendet Ludwig Wittgenstein allerdings immer nur einen einzigen Dezimalpunkt, abweichend von der in der heutigen Dezimalklassifikation üblichen Praxis. Dieses Prinzip wird in der folgenden Abhandlung konsequent befolgt.
 
 

Inhaltsverzeichnis

1  Definition
2  Bewertung
3  Inhalt
4  Der abstrakte Konsens
5  Das Ende des Konsens
6  Potentielle Dauer von Konsensen
 
 

1 Definition

1.
Konsens ist das, was die überwiegende Mehrheit versteht und glaubt.
 
1.1
Die erste Voraussetzung für einen Konsens ist das Verstehen. Nur wenn man eine Aussage verstanden hat, kann man entscheiden, ob man sie für wahr, nützlich, relevant, schön oder ähnliches hält oder nicht.
 
1.2
Wenn die Mehrheit an einen Inhalt glaubt, entsteht ein Konsens, egal ob dieser Inhalt objektiv wahr oder falsch ist.
 
1.3
Wenn ein ethisches Gebot von der überwiegenden Mehrheit nicht befolgt wird, das heißt wenn das Gebot nicht Teil eines Konsens ist, ist das Gebot  nur fiktiv.
 
1.3.1
Ein ethisches System, das sowohl gültige als auch fiktive Gebote enthält, ist nicht in sich widerspruchsfrei, und ist daher in der Praxis untauglich.
 
Beispiel: Die katholische Kirche stellt unter anderem folgende Gebote auf:
 
1) Sexualverkehr ist nur innerhalb der Ehe erlaubt.
 
2) Alle künstlichen Verhütungsmittel mit Ausnahme der Enthaltsamkeit sind verboten.
 
Es gibt bestimmte Gesellschaften, in denen das Gebot (1) nur fiktiv ist, aber das Gebot (2) streng befolgt wird. Das Ergebnis ist erstens eine Bevölkerungsexplosion, aus der wiederum allgemeine Armut resultiert, weil es keine Arbeitsplätze gibt, und zweitens die Zunahme von Aids-Erkrankungen. Obwohl das ethische System in der Theorie sinnvoll wäre, ist es praktisch untauglich, weil es nicht konsequent als Konsens eingehalten wird.

2 Bewertung von Konsensen

2.
Es gibt keine "objektive Wahrheit".
 
2.1
Es gibt nur einen Konsens darüber, was man für wahr hält.
 
2.1.1
Auch in den sogenannten "exakten Naturwissenschaften" gibt es Sätze, die weder widerlegbar noch verifizierbar sind und nur auf Grund eines Konsens gelten. Kurt Gödel hat dies für die Mathematik in seiner revolutionären Arbeit Über formal unentscheidbare Sätze der Principia mathematica und verwandter Systeme 1931 bewiesen. Außerdem gibt es manchmal  experimentelle Ergebnisse, die durch ganz unterschiedliche Theorien erklärt werden, sodass es schließlich eine Frage des Konsens ist, welche Theorie anerkannt wird.
 
2.2
Der Wert eines Konsens ist unabhängig von seinem Wahrheitsgehalt.
 
2.2.1
Da es keine objektive Wahrheit gibt, kann ein Konsens auch nicht nach seinem Gehalt an objektiver Wahrheit bewertet werden.
 
2.2.2
Beispiel:
"Jesus Christus ist der Sohn Gottes".
Wenn wir diesen metaphysischen Satz untersuchen, interessiert uns vom Standpunkt der Konsenstheorie nicht mehr, ob er wahr, falsch oder sinnlos ist, sondern nur ob es Menschen gab und gibt, die den Satz für wahr halten, und unter welchen Umständen sich dieser Satz zum Konsens entwickelt hat.
 
2.3
Ein Konsens ist nicht a priori vernünftig oder gut. Das Urteil der Mehrheit ist kein Garant dafür, dass nicht unvernünftige oder schädliche Regeln oder Axiome zum Konsens werden. Die Beispiele dafür sind sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart zahlreich, insbesondere im religiösen Bereich (siehe auch Satz 1.3.1).
 
2.4
Ob eine neue Idee oder ein neues Werk angenommen wird und somit einen Konsens etabliert, kann man nicht vorhersehen. Dies ist eine Frage, die von einer Unzahl von Zufällen abhängt.
 
2.4.1
Daher ist es beispielsweise unmöglich, einen Bestseller zu planen.
 
2.4.2
Es ist auch oft vorgekommen, dass ein neues Werk erst lange nach dem Tod des Schöpfers in seiner wahren Bedeutung erkannt worden ist und dann zum Konsens wurde.

3 Inhalt

3
Ein Konsens ist die Grundlage jeder geistigen Tätigkeit.
 
3.1
Es kann keine (kreative) geistige Tätigkeit geben, an der nur ein einziger Mensch beteiligt ist, der Werke schafft, die nur er allein versteht oder gut findet. Erst der Konsens erhebt eine geistige Äußerung in den Rang eines Werkes. Daher strebt jeder schöpferische Mensch danach, ein möglichst breites Echo auf sein Werk zu bekommen.
 
3.2
Ein Werk ist um so wertvoller, je mehr es bestehende Konsense auflöst und einen neuen Konsens herstellt.
 
3.2.1
Ein Werk, das nur bereits bekannte Konsensinhalte in neuer Form ausdrückt, wird niemanden interessieren, es sei denn dass diese neue Form ihrerseits einen Konsensbruch darstellt.
 
3.2.2
Falls ein sehr lange bestehender Konsens, z. B. der christliche Glaube oder die Newtonsche Physik, aufgegeben wird, und an seine Stelle ein inhaltlich neuer Konsens tritt, kann man von einer geistigen Revolution oder einem epochalen Fortschritt sprechen.
 
3.2.2.1
Geistiger Fortschritt setzt das Aufgeben von etablierten Konsensen voraus.
 
3.2.2.2
Sofern ein neuer fundamentaler Konsens durch einen Menschen initiiert wird, darf man von einer genialen Innovation und dem Verdienst eines großen, vielleicht Jahrhunderte überragenden Genies sprechen.
 
3.3
Konsens kann es überall dort geben, wo Kommunikation statt findet, das heißt wo Signale erzeugt und von Menschen wahrgenommen werden. Dies ist nicht auf die Sprache beschränkt. Einen Konsens kann es in allen Geistesdisziplinen geben: Religion, Wissenschaft, Kunst, Recht, Ethik, Sexualität, Technik, Medizin etc.
 
3.3.1
Die schönste Form des Konsens ist das Liebesspiel zwischen zwei Sexualpartnern. Ein optischer sexueller Reiz kann nur entstehen, wenn es einen Partner gibt, bei dem das Sehen einer bestimmte Gestalt zu einer sexuellen Erregung oder einer unterbewussten sexuellen Empfindung führt. Schönheit ist daher keine Eigenschaft an sich, sondern nur im Austausch zwischen Objekt und Betrachter, die eine virtuelle Einheit bilden müssen, zu definieren.
 
3.3.2
Die vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins 1976 in Analogie zum Wort Gen so genannten "MEME" (im Singular: MEM), das sind Informationen, die sich durch den menschlichen Trieb zur Imitation anderer Menschen von selbst über die ganze Welt ausbreiten, sind praktisch die Keimzellen von Konsensen, nämlich dann wenn die schneeballartige Verbreitung so weit fortgeschritten ist, dass das Kriterium (1) dieser Abhandlung erfüllt ist.
 
3.3.2.1
MEME sind potentielle Konsens-Keimzellen.
 
3.3.3
Die Entstehung eines Konsens setzt voraus, dass eine Information vom Sender zum Empfänger übertragen und richtig verarbeitet wird. Die Partner der Kommunikation müssen eine virtuelle Einheit bilden. Das setzt weiter voraus, dass alle Menschen nach dem gleichen Bauprinzip gebaut sind. Meine musikalische Veranlagung ist also prinzipiell die gleiche wie die eines Ludwig van Beethoven.
 
3.3.3.1
Heute erleben wir eine Musik tatsächlich anders als die Teilnehmer der Uraufführung. Dennoch ist der Kern der non-verbalen Mitteilung, nämlich die emotionale Aussage, völlig identisch und wird dies auch immer bleiben. Es besteht insofern ein Konsens, der sich, ausgehend vom Komponisten, hin zu sämtlichen Millionen von Hörern in alle Zeiten, so lange dieses Werk gehört wird, erstreckt.

4 Der abstrakte Konsens

4.
Der abstrakte Konsens ist ein gedachter Konsens mit einem nur gedachten, imaginären Gegenüber.
 
4.1
Es gibt ein starkes Bedürfnis nach einem abstrakten, aber zugleich alles andere übertreffenden "Urkonsens". Dieser wird beispielsweise mit Gottesliebe oder Agape verwirklicht. Der gedachte Konsenspartner ist Gott.
 
Predigt über 1. Johannes 4, 7-21 Gehalten zum Universitätsgottesdienst am 17.10.2006 von Pfr. J. Coburger im Freiberger Dom. Hier wird in einer subtilen Weise begründet, dass es um eine abstrakte Übereinstimmung des Ich mit dem aller Höchsten geht, und dass sich daraus erst jeder andere menschliche Konsens ableiten lässt. "Gott ist die Liebe". Wer davon überzeugt ist, dem kann Leid, Hass oder Tod nichts mehr anhaben. Der Urkonsens lautet: Gott liebt den Menschen. Wenn man dies als "Axiom" annimmt und zusätzlich wie Pfr. J. Coburger durch eine Fülle von Bibelzitaten untermauert, erhält man ein Gottesbild, das über alle Zweifel erhaben ist, insbesondere über die irritierende Tatsache, dass Gott den Menschen trotzdem oft sehr ungnädig behandelt und scheinbar grundlos leiden lässt.
 
Auch das öffentliche Gebet ist primär der Ausdruck eines Konsens über den Glauben der Religionsgemeinschaft und weniger ein Dialog mit Gott.
 
4.2
Der Mensch hat ein angeborenes "Konsensbedürfnis". Er möchte im Konsens mit anderen sein. Sogar wenn er allein ist, möchte er das Gefühl haben, sich mit irgend jemandem im Konsens zu befinden.
 
4.2.1
Warum hört man Musik?
Nicht weil man eine akustische Geräuschkulisse braucht - das gibt es zwar auch - sondern weil man den Konsens mit dem Komponisten und Interpreten sucht.

5 Das Ende des Konsens

5.1
Ein potentiell unendlicher Konsens kann nicht widerlegt, sondern nur aufgegeben werden.
 
5.1.1
Je länger ein Konsens schon besteht, um so unwahrscheinlicher ist es, dass er beendet wird.
 
5.2
Ein potentiell befristeter Konsens kann durch externe Tatsachen widerlegt werden und muss dann aufgegeben werden.
 

6 Potentielle Dauer von Konsensen

6
Die potentielle Dauer kann entweder befristet oder unendlich sein.
 
Beispiele für typische Konsens-Aussagen:
 
1) Alle Autofahrer fahren rechts.
 
2) Zwei und zwei ist vier.
 
3) Unser Herrscher ist der Sohn des Sonnengottes.
 
Fall 1 regelt willkürliches Verhalten. Dieser Konsens kann, da er nur menschliche Entscheidungen regelt, unbegrenzt gültig bleiben. Es gibt keine externen, d. h. außerhalb der Konsensebene stehenden Gründe, den Konsens zu verlassen.
 
Fall 2 und 3 sind dagegen Konsense über Erfahrungstatsachen, die nicht willkürlich gestaltet werden können, sondern extern vorgegeben sind. Daher sind sie nur so lange befristet gültig, als es keine neuen Tatsachen gibt, die den Konsens brechen.
 
Zum Beispiel (2):
Es könnten auch Fälle beobachtet werden, wo 2 Dinge unter Hinzufügen von 2 weiteren Dingen irgend eine neue Zahl von Dingen ergeben, oder man könnte eine Mathematik erfinden, wo dieser Satz durch ein anderes Axiom ersetzt wird.
 
Daher unterscheide ich:
 
1) Konsense mit potentiell unendlicher Gültigkeitsdauer.
 
2)  Konsense mit potentiell befristeter Gültigkeitsdauer.
 
Zu welcher Kategorie ein Konsens gehört, ist unabhängig von seiner praktischen Gültigkeitsdauer. Ein potentiell unendlicher Konsens der ersten Art kann sehr schnell aufgegeben werden, wenn es zweckmäßig ist. Dagegen kann ein potentiell befristeter Konsens sehr lange bestehen, bevor es zwingend notwendig wird, ihn aufzugeben.

6.1 Der Hippokratische Eid

6.1
Der Hippokratische Eid ist ein potentiell unendlicher Konsens, denn er regelt nur das willkürliche Verhalten eines Arztes in Bezug auf das Leben und die menschliche Gesellschaft. Dieser Konsens hat (nur bis heute) die unglaublich lange historische Gültigkeitsdauer von 2500 Jahren gehabt. Es sind immer wieder kleine Minderheiten aufgetreten, die versuchten ihn außer Kraft zu setzen, z. B. die Vereine für Sterbehilfe in der Schweiz.
 
Allein auf Grund der bisher so langen Gültigkeit kann man erwarten, dass der Hippokratische Eid weiterhin seine Gültigkeit sehr lange behalten wird, und zwar in seiner vollen und unverwässerten Strenge, und dass alle Versuche einer Aushebelung oder Modifikation zum Scheitern verurteilt sind.
 
Man kann sagen, dass Konsense dieser Art zum ewigen Kulturbesitz der Menschheit gehören und damit zum Wertvollsten, was es gibt.
 
6.1.1
Wesentliche Inhalte des Hippokratischen Eides:
Verbot der Sterbehilfe,
Verbot der Abtreibung,
Soziale Krankenversicherung.
Jeder Kranke wird behandelt und je nach seinem Vermögen zur Zahlung herangezogen. Damit hat Hippokrates bereits das Grundprinzip der heute üblichen sozialen Krankenversicherung vorweggenommen.

6.2 Die Demokratie

6.2
Die Demokratie ist ebenfalls einer der ältesten, potentiell unendlichen Konsense mit Geltung seit  Solon 600 v.Chr. in Athen bis heute.
 
Trennung der Gewalten
 
Mehrheitsentscheidung
 
Macht auf befristete Zeit
 
Politischer Einfluss unabhängig vom Reichtum
 
Individuelle Menschenrechte müssen höher stehen als die Staatsraison
 
6.2.1
Von diesen uralten Grundprinzipien ist das wichtigste die Trennung der Gewalten: Gesetzgebung, Regierung und Rechtsprechung müssen gleichberechtigt und unabhängig voneinander sein. Diktaturen leiden daran, dass sie dieses Prinzip außer Kraft gesetzt haben.
 
6.2.2
Die Mehrheit kann nach bestimmten Regeln auch durch gewählte Vertreter handeln, muss also nicht immer direkt wie im antiken Athen oder in der Schweiz befragt werden.
 
6.2.3
Befristet ist die Macht auch in Diktaturen, durch die begrenzte Lebenszeit, aber es darf keine vererbbare Macht geben.
 
6.2.4
Die Trennung von Macht und Reichtum ist ein Prinzip gegen das auch in allen modernen Demokratien noch immer verstoßen wird. Es gibt bis jetzt  keine praktisch erfolgreiche Staatsform, in der dieses Prinzip wirklich konsequent realisiert worden wäre. Die Kritiker der antiken Demokratie haben die Geltung und den Sinn des Prinzips überhaupt in Frage gestellt.
 
6.2.5
Die Missachtung der Menschenrechte ist ebenfalls eine schwere Entartungserscheinung in Diktaturen. Es gibt kein Volksinteresse das höher steht als die Rechte des Einzelmenschen.
 
© 2007  Wolfgang Baudisch