Ein für alle Male ist's Orpheus, wenn es singt...

(Essay über den Inhalt der Musik)

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Nein - immer ist es eine "Menschenseele" die singt. Und die Liebessehnsucht des Orpheus ist zwar eine wichtige, aber nicht die einzige Gemütsbewegung, die in der Musik zum Ausdruck kommen kann. Genau so gut könnte es abgrundtiefe Verzweiflung oder strahlender Triumph sein. Es gibt absolut nichts, was sich nicht in Tönen ausdrücken ließe und was nicht schon in Tönen ausgedrückt worden ist. Beethoven hat viel wahres über die Aussagekraft der Musik in seinen Gesprächen geäußert.

Die Frage, die ich mir beim Hören von Musik daher stelle ist nicht, ob sie mir gefällt, sondern welcher Mensch und vor allem in welcher Stimmung hat er diese Musik geschrieben? Erst danach kommt die Frage, ob ich mit dieser Stimmung im Moment des Hörens (oder selbst Spielen) auch harmoniere oder ob sie mir in den "Ohren" - nein, vielmehr in der Seele "weh tut".

Schon die erste Frage nach dem Menschen kann zu durchaus unterschiedlichen Resultaten führen: das Extrem wäre die Antwort, daß nicht ein Mensch, sondern ein Musikcomputer oder etwas ähnliches "da singt". Es kann aber auch, wenn es weniger schlimm ist, sein daß es kein Mensch, sondern ein Komödiant, ein Scharlatan ist, wenn er z. B. die Musik nicht schreibt, um seine eigene "Seelenlage" auszudrücken, sondern um die Stimmung einer singenden Person auszudrücken, die nicht der Komponist selbst, sondern eine von ihm erfundene Person ist. Manche Komponisten beherrschen dies bis zur absoluten Perfektion. Wenn wir als Beispiel manche der berühmtesten Arien Händels betrachten, dann fragen wir uns ob Händel wirklich das gefühlt hat, was er seinen Xerxes, seine Cleopatra da singen läßt, oder ob er nur eine bestimmte Stimmung im Publikum erzeugen wollte, ob es sich also letztlich um ein Machwerk oder echte Kunst handele? Hören wir dagegen eine Bachkantate, so wissen wir vom ersten Ton an: hier spricht ein Mensch zu uns - oder zu Gott. Das ist nicht Kunstproduktion sondern tiefste, ja existentielle Überzeugung. Egal, ob wir selbst an Gott glauben, oder nicht, wir hören daß es Johann Sebastian Bach getan hat, und nur aus diesem Glauben heraus seine Musik geschrieben werden konnte. Dieser Vergleich soll nur deutlich machen, daß es nicht auf den Stil oder die Technik ankommt, mit der Musik komponiert wurde. Obwohl der Stil fast zum Verwechseln gleich sein kann, (nicht so bei Bach und Händel!), kann der innere Wert diametral verschieden sein: Auf der einen Seite ein vielleicht genial perfektes Machwerk, auf der anderen menschliche Kunst. Der Unterschied zwischen einer Komödie und einer Tragödie, vielmehr "ernster" oder ernst zu nehmender Kunst ist nicht ob das Thema ernst oder heiter ist, sondern die "Ernsthaftigkeit" mit der es behandelt wurde, die innere Bewegtheit mit der ein Komponist sein Werk geschrieben hat. Viele Mozart-Opern sind also "ernste" Komödien - oder besser: unterhaltsame Tragödien. Mozart ist kein Komödiant, sondern immer nur Mozart selbst.

Bach ist ein Titan, ein Geistesgigant, ein unbegreiflicher Übermensch unter den Musikern. Hätte er beispielsweise nur ein Werk von der Art seines sogenannten "Weihnachtsoratoriums" geschrieben, wäre er schon als der größte Musiker unsterblich geworden, tatsächlich aber er hat hunderte anderer Kantaten und über tausend anderer Werke geschrieben. In jedem seiner Werke ist die ganze Spannweite der Gefühlswelt von der größten Begeisterung bis zum stillsten In-sich-Gehen enthalten. Musiker wie John Elliot Gardiner haben die alles überragende Größe und Bedeutung Bachs nie in Zweifel gestellt und durch ihr dankenswertes Wirken uns nähergebracht. Und Glenn Gould hat die unvollendete Schlussfuge (Contrapunctus 14) in der Kunst der Fuge, dem letzten von Bachs Werken, für das Schönste gehalten, was es in der Musik je gab. "There's never been anything more beautiful in all of music."

Eine einzige Kantate enthält mehr an Musik, oder sagen wir besser Lebensweisheit, als eine ganze Mozart-Oper. Ja, ich verwende diesen absurden Vergleich, nur um die Größe Bachs irgendwie zum Ausdruck zu bringen, denn die Opern Mozarts sind wiederum unter allen Opern die es gibt, die größten. Mozart ist der erste und größte Meister der Beschränkung, der Kunst mit dem geringsten technischen Aufwand die größte inhaltliche Aussage zu machen. Dies ist echte "Minimal Art". Mancher Musikkenner, wie Glenn Gould oder Heitor Villa-Lobos, hielt Mozarts Musik einfach für "dumm". Sie hatten recht!!! Die technischen und intellektuellen Mittel darin kann man im Vergleich mit später ausgeklügelten Techniken nur als primitiv bewerten ... aber seine menschliche Aussagekraft ist niemals übertroffen worden. Im Gegensatz dazu zeigen Wagner und Bruckner, wie man mit dem aller größten technischen Aufwand ein Minimum an inhaltlicher Aussage hervorbringt. Dies gilt vielleicht mit Ausnahme einzelner Adagio-Sätze in Bruckners "9 plus Null" Sinfonien. Hier gibt es das bekannte Bonmot, Bruckner habe dieselbe Sinfonie 9 mal komponiert. Wagner ist ein genialer Dichter, während die musikalischen Qualitäten niemals das Niveau des Textes erreichen. Mozart richtig zu interpretieren, ist bei aller (vergleichsweisen) technischen Leichtigkeit, die schwerste Aufgabe in der Musik. Nur wenige Musiker, wie Clara Haskil oder Mitsuko Ushida, aber auch Gulda oder Perahia sind dieser Schwierigkeit wirklich gewachsen. Andere scheitern dagegen kläglich - groteskerweise - an den nicht vorhandenen technischen Schwierigkeiten. Fast könnte man sagen: nur ganz zarte, weibliche Seelen verstehen diese Musik wirklich und fühlen was Mozart gemeint hat. Mozart interpretieren heißt nicht, Pathos und Gefühlsausdruck hervorbringen. Es genügt nur die Noten zu spielen, aber so wie sie da stehen mit genau "richtigem" Tempo und Lautstärke und diese Noten von selbst sprechen zu lassen. Über zerstörerische eigene Kadenzen in Mozart-Konzerten könnte man Bücher schreiben.

In zeitgenössischer Kritik wurden Mozart-Opern auch als "Händel ohne Kopf" bezeichnet. Auch dies hat seine Berechtigung: während Händel aus dem Kopf, das heißt mit sehr viel Kunstverstand eine genau berechnete Wirkung erzeugt, und mit endlosen Wiederholungen der Themen dem Hörer nahebringt, spricht Mozart nicht aus dem Kopf, sondern ganz naiv, ohne bravouröse Virtuosität aus dem Herzen und zum Herzen.

Ein tolldreistes Beispiel für das Unverständnis ist es, wenn Edward Grieg glaubte, durch das Hinzukomponieren einer zweiten Klavierstimme eine Mozart-Fantasie aufwerten zu müssen. Gröber kann Mozart nicht mißverstanden und mißbraucht werden: seine Kunst besteht ja gerade im Weglassen, im Sagen von Allem durch fast nichts, also kann jede zusätzliche Note nur eine katastrophale Wirkung auf das ganze Musikstück haben. Im Gespräch mit Kaiser Joseph II hat Mozart gesagt, er schreibe nicht "zu viele Noten", sondern gerade so viele wie nötig seien. Heute wissen wir: nicht zu viele, sondern eher noch zu wenige Noten waren es, aber gerade die Noten, in denen alles gesagt ist, was sich mit Musik sagen läßt.

Die Rezeption von Kunst

Was den "Kunstgenuß" betrifft, ist es vom seelischen Erlebnis her unbedeutend, ob Musik in einem Konzertsaal "zelebriert" oder zu Hause aus einem krächzenden Radiolautsprecher kommt. Hier irrt Sergiou Celibidache! Nicht die Klangqualität oder der persönliche optische Eindruck der Interpreten ist entscheidend, sondern die Idee die hinter der Darbietung steht. Und diese Idee kann auch dann noch erkannt werden, wenn einige Obertöne im Klangspektrum fehlen, weil sie der elektroakustische Übertragungskanal nicht mehr durchläßt. Das gleiche gilt für Bilder. Nur Banausen oder Kunstspekulanten werden fest darauf bestehen, daß das Original mehr ist als eine halbwegs gute Reproduktion. Die Idee des Künstlers ist in jeder Reproduktion ebenso enthalten, wie im Original. Natürlich wird man, wenn es zwei Aufnahmen des gleichen Werkes gibt, die technisch bessere vorziehen, auch dann wenn der Name des Interpreten weniger berühmt ist, als vielleicht bei einer vor 50 Jahren mit "Steinzeittechnik" gemachten Archivaufnahme.

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Date of publishing: Friday, 1. October 1999.
Last revision: 01/22/2010