Essay
über die menschliche Naturwahrnehmung
und andere Themen
 
© 2007  Wolfgang Baudisch
 
 
Inhaltsverzeichnis
 
Der gestirnte Himmel
Prognosen
Pascal
Das egozentrische Weltbild
State of the art
Kant
Inhalte der Kunst
O Ewigkeit ...
Illusionen

Der gestirnte Himmel

"Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir."

Diese Zitat aus der "Praktischen Vernunft" von Immanuel Kant möchte ich an den Anfang meiner kleinen Gedanken (Pensées) stellen, denn der gestirnte Himmel zeigt mir etwas, was mir ganz typisch erscheint für die Wahrnehmung des Universums durch den Menschen. Der Mensch sieht eine chaotische, völlig planlose Ansammlung von Sternen als leuchtende Punkte am Himmel. Aber was macht er daraus? Er versucht sofort irgend eine Ordnung, ein vom "Schöpfer" geplantes Prinzip herauszulesen. Er sieht zum Beispiel 3 Sterne die ihm zufällig als Dreieck erscheinen und gibt diesem sogenannten "Sternbild" den Namen "Dreieck". Darüber hinaus erfindet er noch eine geheimnisvolle Wirkung, die aus der Stellung dieses Sternbildes in Bezug zu anderen Himmelskörpern auf sein eigenes Leben oder sogar auf die Geschichte der Menschheit ausgehen kann. Zusätzlich gibt er einzelnen Himmelskörpern noch Namen, z. B. "Venus" und verknüpft damit geheimnisvolle erotische oder andere emotionale Wirkungen.

Diese kurze Betrachtung über die Astronomie und Astrologie soll nur folgendes deutlich machen: es gibt keine "Naturgesetze". Alles was wir als Gesetzmäßigkeit in der Natur zu erkennen glauben, beruht nur auf unserer eigenen Wahrnehmungs- und Denkstruktur. Das gesamte Universum ist ohne die menschliche Wahrnehmung ein totales Chaos oder es unterliegt Gesetzen, die der Mensch prinzipiell nicht erkennen kann.

Dies gilt sowohl für die Astrologie als auch für die aller "exakteste und hochwissenschaftliche" Astrophysik. Ein Unterschied besteht nur in den Axiomen von denen diese Denkgebäude ausgehen, aber nicht in der Logik und in der Beobachtungsweise. Die Gesetze der Logik und der Beobachtungweise des Menschen haben sich seit der Begründung der Astrologie durch die alten Ägypter oder Chinesen vor Jahrtausenden bis heute überhaupt nicht verändert. Es ist auch im Prinzip völlig gleichgültig, ob der Mensch den "gestirnten Himmel" mit seinen zwei Augen oder mit dem größten Weltraumteleskop, das nur noch Daten in einem Computer erzeugt, die dann als Graphiken ausgegeben werden können, wahrnimmt. Es ist in beiden Fällen der Mensch mit seinen sehr begrenzten Fähigkeiten, der die Wahrnehmung macht und auf seine menschliche Weise interpretiert.

Genau so wenig, wie es im Universum Sternbilder gibt, gibt es physikalische Gesetze, denen das Universum gehorcht. Das Universum gehorcht keinen Gesetzen, denn diese sind nur vom Menschen erfundene Interpretations-Hilfsmittel, die sich jederzeit ändern können, wenn andere erfunden werden. Die physikalischen Gesetze sind somit keine "Naturgesetze", sondern aus den Axiomen der Mathematik und Physik mit Hilfe der menschlichen Logik hergeleitete Aussagen, die mit diesen Axiomen stehen oder fallen, und ebenso mit den Gesetzen der Logik stehen oder fallen.

Vor allem zwei Fragen wird der Mensch sicherlich nie beantworten können:

"Was ist das Universum?" und "wie ist das Universum entstanden?"

Dies schließt natürlich auch die Frage nach einem über allem stehenden "Schöpfer" mit ein. Diese Frage muss der Religion vorbehalten bleiben, die in Bezug auf ihren Erkenntnisgehalt auf die gleiche Stufe mit Dichtung, Mythos und Astrologie zu stellen ist.

 

Genau so, wie wir heute die Astrologen der Vorzeit belächeln wird man in tausend Jahren über die heutige Physik und ihre Erforschung des Kosmos lächeln.

Prognosen

Prognosen sind immer nur in Relation zum Beobachtungszeitraum zu beurteilen.
 
Wenn man einen Vorgang kennt, und diesen sehr lange beobachtet hat, beispielsweise 10 000 Jahre, so kann man davon ausgehen, dass sich in den nächsten 100 Jahren keine wesentliche Änderung des Verhaltens ergeben wird. Man kann aber keine sichere Prognose für einen zukünftigen Zeitpunkt in 100 000 Jahren abgeben.
 
Wenn es außerdem noch möglich ist, den vergangenen Beobachtungszeitraum durch mathematische Modelle und Formeln ohne nennenswerte Abweichungen vom beobachteten Verhalten darzustellen, so kann man für einen entsprechend kurzen Prognosezeitraum (nicht für alle Ewigkeit!!!) eine exakte quantitative Prognose formulieren. In diesem Fall ist man versucht, von einem "Naturgesetz" zu sprechen, da es praktisch unmöglich erscheint, dass die Prognose sich als falsch erweisen könnte.
 
Aber auch dann liegt eben KEIN NATURGESETZ vor, sondern nur ein spezielles Beobachtungs- und Prognoseverfahren.
 
Beispiel: Die Bewegung der Planeten um die Sonne können wir als einen Prozess definieren, der praktisch seit den Anfängen des menschlichen Lebens bis heute unverändert abläuft. Man kann also für einen Zeitraum von 100 Jahren oder noch viel mehr, ziemlich sichere Prognosen und Berechnungen erstellen. Dagegen wäre es äußerst gewagt, wenn man versuchen wollte, diese Bewegungen oder überhaupt die Existenz des Sonnensystems in 10 Milliarden Jahren vorherzusagen.
 
Nur der sehr beschränkte Zeithorizont des Menschen hat also dazu geführt, in der Wirklichkeit ewig gültige Naturgesetze anzunehmen. Die Geltungsdauer dieser Gesetze und damit ihre Geltung als solche ist aber nur eine Frage des Zeithorizontes.

Pascal

Blaise Pascal

1623-1662

Pensées

sur la religion et sur quelques autres sujets,

qui ont esté trouvée aprés sa mort parmy ses papiers

Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände,

die nach seinem Tode unter seinen Aufzeichnungen gefunden wurden

 

Das folgende ist philosophische Poesie (Auszug aus Aphorismus 72)

 

Qui se considérera de la sorte s'effrayera de soimême,

et, se considérant soutenu dans la masse que la nature lui a donnée,

entre ces deux abîmes de l'infini et du néant,

il tremblera dans la vue de ces merveilles;

Wer sich derart sehen wird, wird vor sich selbst erschaudern

und wenn er sich so sich selbst vorstellt, geprägt in den Stoff, den die Natur ihm zuteilte,

zwischen den beiden Abgründen des Unendlichen und des Nichts,

wird er erbeben vor der Schau dieser Wunder,


et je crois que, sa curiosité changeant en admiration,

il sera plus disposé à les contempler en silence qu'à les rechercher avec présomption.

und ich glaube, daß, wenn sich seine Neugierde in Bewunderung verwandelt hat,

er eher bereit sein wird, in Stille darüber nachzusinnen als sie anmaßend erforschen zu wollen.

Das egozentrische Weltbild

Der Mensch als Mitte zwischen dem Nichts und dem Unendlichen: das ist die typische Formulierung eines egozentrischen Weltbildes. Der Mensch steht dabei im Mittelpunkt des Universums.
 
Wenn man diese Anschauung aber verläßt, könnte man auch folgende Hypothese aufstellen:
 
Es gibt unendlich viele Universen, die in beiden Richtungen in unendlicher Folge ineinander geschachtelt sind. Das heißt, unser Universum ist ein Atom im nächst höheren Universum usw.
 
Es ist nicht möglich, von einem Universum in das nächst höhere oder tiefere zu gelangen. Daher läßt sich diese Hypothese weder beweisen noch widerlegen. Somit ist sie im Sinn von Karl Popper keine naturwissenschaftliche Aussage. Dennoch ist sie wenigstens formulierbar und im Geist vorstellbar. Ja mehr noch, sie ist in großem Maß wahrscheinlich, weil sie einem simplen Analogieschluss aus anderen Beobachtungen entspringt.

State of the art

Es kommt darauf an, zu jeder Tätigkeit das richtige Werkzeug zu verwenden, und zwar das beste und modernste, also den "State of the art" zu kennen und anzuwenden. Es muss nicht das teuerste sein. Alles andere wäre Dummheit. Mit dem richtigen Werkzeug kann eine unlösbare Aufgabe zu einem Kinderspiel werden. Das Prinzip gilt nicht nur für Dinge des täglichen Gebrauchs, wie Haushaltsgeräte oder Computerprogramme, sondern generell. Wer zum Beispiel heute mit einem Oltimer aus dem Jahr 1920 unterwegs ist, ist nicht nur besonders exklusiv, sondern auch besonders dumm.
 
Entscheidende Voraussetzung ist, dass man den gültigen State of the Art kennt. Andernfalls kann man ihn auch nicht anwenden.
 
Eine gute Automatik nimmt dem Benutzer viel Arbeit ab. Eine schlecht funktionierende Automatik ist schlechter als eine Handbedienung. Hier liegt die absolute Grenze des technischen Fortschritts. Wenn es nicht oder nur mit unwirtschaftlich hohem Aufwand möglich ist, eine gut funktionierende Automatik zu bauen, sollte man lieber ganz darauf verzichten und manuelle Bedienung bevorzugen.
 
Wenn man entweder die ungeeigneten, das heißt nicht dem State of the Art entsprechenden Werkzeuge verwendet, oder wenn man unrealisierbare Traumziele verfolgt, dann verschwendet man nur sinnlos Zeit, ohne irgendein weiterführendes Ergebnis zu erzielen.
 
Unrealistische Zielsetzungen sind die größte Gefahr: wer sich das Ziel setzt, Millionär zu werden, wird höchstwahrscheinlich scheitern. Wer sich aber das Ziel setzt, eine gute Arbeit abzuliefern, hat Chancen letztlich auch Millionär zu werden, zumindest aber dieses Ziel auch zu erreichen und somit seine Zeit gut verwendet zu haben.

Kant

Kant ist kaum aus Königsberg herausgekommen und hat trotzdem viel mehr über die Welt gewusst als alle, die Fernreisen über den ganzen Globus gemacht haben.
 
Weniger ist mehr!

Inhalte der Kunst

Man könnte folgendes vermuten: in der gesamten Kunst, also Musik, Malerei oder Dichtung, gibt es keine prinzipiell neuen Inhalte. Jeder neue Gedanke ist nur eine neue Abwandlung eines bereits früher ausgedrückten, jede neue Melodie nur eine Variation früher komponierter Melodien.
 
Um Kunst besser zu analysieren, könnte man untersuchen, welche älteren Inhalte in einem Kunstwerk enthalten sind.
 
Musik
 
Jede Musik, die einen Stil hat, ist gute Musik. Hat sie keinen eigenen Stil und ist sie nicht die ideale Verkörperung eines Stils, so ist sie minderwertig.

O Ewigkeit ...

O Ewigkeit, du Donnerwort
 
In der Zeit des Existenzialismus erhält der Begriff "Ewigkeit" eine ganz neue Bedeutung:
 
nicht mehr "ewige Glückseligkeit oder Verdammnis", sondern ewige Nichtexistenz.
 
Mit dem Tod endet die Existenz und es beginnt das Nichts, das Nichtsein.
 
Und dieses Nichtsein dauert (zumindest für das Individuum selbst) bis zum Ende aller Zeiten, und nicht nur bis zum "jüngsten Gericht"!
 
Was folgt daraus als logische Konsequenz? Der Inhalt des Daseins, so lange oder vielmehr so kurz wie es besteht, ist nicht die Vorbereitung auf das Jenseits, sondern die Gestaltung des Hier und Jetzt.
 
Was machen wir in der unendlich kurzen Zeit unseres Seins?
Ist es unser oberstes Ziel, Reichtümer zu erwerben? Gibt es nichts wichtigeres?
  
Die kurze Lebenszeit muss wirklich zum Leben und nichts anderem genutzt werden. Das heißt aber nicht: so viel wie möglich (vielleicht auch noch gleichzeitig) zu erleben, sondern alles so intensiv, aber auch selektiv wie möglich zu tun. Wenn wir nicht unendlich lange leben, können wir auch nicht alles was möglich und denkbar wäre tun oder erleben. Wir müssen vielmehr höchst geizig unsere beschränkte Zeit verwalten und nur das tun, was wir wirklich können und mit großer Freude tun. Das Unwichtige oder Lästige weglassen.
 
Goethe: Es kann die Spur von Deinen Erdentagen ...
 

Illusionen

Das ganze Leben ist nur eine Illusion. Man lebt in der Illusion, dass man Bestand hat oder Werte von Bestand schaffen kann. Das ist die fundamentale Illusion.
 
Daran schließen sich andere Illusionen der verschiedensten Art an, bis hin zum Betrachten von erotischen Video-Clips.
 
Aber ist eine Illusion nur eine Täuschung? Eine Illusion kann nicht ohne eine dahinter stehende Wirklichkeit existieren. Es ist nur eine Frage der Intensität, wo der Übergang zwischen Wirklichkeit und Illusion steht.

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