Jede
Frage des Denkens ist eigentlich eine "Wie"-Frage. Wir können
immer nur fragen, wie etwas ist, aber nie warum etwas ist. Jede echte Antwort
auf eine Warum-Frage ist eine Antwort auf eine Wie-Frage. Wir können immer
nur Wie-Fragen beantworten und haben dabei im Hintergrund die Illusion, daß
wir eines Tages, wenn wir genug Wie-Fragen beantwortet haben, auch die Antwort
auf eine Warum-Frage geben können. Dies wird immer eine unerfüllbare
Illusion bleiben müssen, die uns aber automatisch dazu bringt, das System
der Wie-Antworten zu immer höherer, ungeahnter Perfektion auszubauen. Die
Frage: "Warum gefriert Wasser unter Null Grad Celsius?" ist eigentlich
nur zu beantworten durch eine möglichst genaue, vielleicht auf molekulare
Vorgänge zurückführende Beschreibung des Vorgangs, "wie
gefriert Wasser". Eine echte Antwort auf die Warum-Frage ist dies aber
nicht, auch dann nicht, wenn durch die Formulierung "Wasser gefriert unter
Null Grad Celsius, weil ..." eine scheinbare Warum-Antwort vorgetäuscht
wird. Auch die Erforschung des Universums kann immer nur weitere Wie-Antworten
liefern, niemals auch nur eine einzige Warum-Antwort. Wir können immer
genauer erklären, wie das Universum ist, aber niemals warum das Universum ist.
Dieses
prinzipielle Denkproblem führt nun aber zu einem allzu verlockenden, aber
noch illusionsreicheren Lösungsansatz: nämlich dem Trick, Warum-Fragen
nicht mit echten Wie-Antworten, sondern mit unechten Warum-Antworten zu beantworten.
Eine unechte Antwort erkennt man einzig und allein daran, daß sie mit
dem Anspruch auftritt, endgültig und nicht weiter hinterfragbar zu sein.
Jedes Dogma und jeder Glaubenssatz hat diese Eigenschaft. Es wird behauptet,
diese Antwort sei wahr und unabänderlich gültig und gebe ein für
allemal eine erschöpfende Antwort auf die Frage. Im Gegensatz dazu ist
jede echte Antwort, weil sie nur die Antwort auf
eine Wie-Frage sein kann, selbst wieder der Ausgangspunkt für weitere Fragen,
für Zweifel, Experimente und Beobachtungen. Obwohl das Bedürfnis,
zumindest eine einzige Warum-Frage beantworten zu können, vielleicht zu
den Wesensmerkmalen unseres Geistes gehört, kann es nur mit Hilfe einer
Täuschung scheinbar befriedigt werden. Diese beruht auf der Verwechslung
von Wunsch und Wirklichkeit.
Jede Warum-Antwort
ist nicht eine Beschreibung der Wirklichkeit, sondern ein Wunsch, daß
die Wirklichkeit so sein solle, wie sie in der Antwort dargestellt wird. Damit
wird aber nicht die Frage beantwortet, sondern nur eine Utopie der Phantasie
erzeugt. Die Philosophie des Konstruktivismus ist die einzige Denkrichtung,
die dies auch offen zugibt: das philosophische Denken erklärt nicht die
Wirklichkeit, sondern erzeugt sie neu. Ein Dogma ist kein Erfahrungssatz, sondern
ein Befehl, der vorschreibt, einen Sachverhalt als existierend , wahr anzunehmen
oder in der Realität durchzusetzen.
Es ist nicht überraschend,
daß besonders die katholische Kirche immer wieder in Konflikt mit der
Wissenschaft geraten ist und auch weiter geraten wird (von Galileo bis zur Genforschung).
Denn hier prallen zwei gegensätzliche Denkstile schonungslos aufeinander:
hier das dogmatische Denken, das versucht mit Glaubenssätzen Regeln für
den Umgang mit und in der Wirklichkeit aufzustellen, dort das unerbittliche,
grenzenlose und keiner Beschränkung unterliegende Fragen nach echten (Wie-)Antworten.
Naturgemäß kann eine Religion, die mit dem Anspruch auftritt, im
Besitz der allumfassenden, endgültigen Wahrheit zu sein, nicht dabei stehen
bleiben, nur Regeln für das menschliche Verhalten aufzustellen, sondern
sie muß auch versuchen, zugleich eine allgemeine Kosmologie zu liefern.
Wenn diese aber nicht göttlicher Offenbarung entsprungen sein sollte, dann
könnte sie nur aus naturwissenschaftlichen Lehren der Vergangenheit entstanden
sein und würde dann - nur wegen des Endgültigkeits-Anspruchs - konsequenterweise
von dem Versuch begleitet sein müssen, jede weitere Entwicklung der naturwissenschaftlichen
Erkenntnis auf diesem Gebiet aus vorgeschobenen ethischen Gründen zu untersagen.
Nachtrag
vom 08.10.99:
Die kürzlich
aufgeflammte heftige Kontroverse zwischen Ethik und Genetik - verbunden mit
Peter Sloterdijk
- illustriert diese
Problematik erneut. Die Vertreter einer neuen Ethik (z.B. J. Habermas) repräsentieren
hier die Rolle der Kirche zur Zeit Galileos, die Genforscher, und mit ihnen
der Philosoph Sloterdijk, die des nach echten Antworten fragenden Wissenschaftlers.
Sollten Sie, verehrter
Leser, durch diese Gedanken zu eigenen Diskussionsbeiträgen angeregt sein,
bitte ich um Ihre Nachricht per Email.
Date of publishing: December 25, 1998.
Last revision: 09/20/00.